Jazz als Mogelpackung: WDR 3 macht aus einem journalistischen Format ein Playlist‑Radio

31.03.2019 •

Ältere Menschen können sich vielleicht noch erinnern, dass der Schokoriegel „Twix“ in Deutschland bis 1991 unter dem Namen „Raider“ auf dem Markt war. Weil er aber im Rest der Welt schon immer auf den heutigen Namen hörte, benannte man ihn auch hierzulande um. Aus „Raider“ wurde also „Twix“. Aber tröstlich für Liebhaber der Nascherei war: An der Rezeptur und am Inhalt der Packungen wurde nichts verändert. Beim Hörfunk des WDR geht man nun den umgekehrten Weg. Ab dem 1. April heißt die montags bis freitags auf WDR 3 ausgestrahlte Sendung „Jazz & World“ zwar weiterhin „Jazz & World“, aber ihr Inhalt wird ein gänzlich anderer sein.

Über viele Jahre widmete sich das genannte Format kompetent jenem Musikgenre, das hierzulande auch bei öffentlich-rechtlichen Radiosendern noch nie eine sonderlich starke Lobby hatte. So mussten Jazz-Liebhaber bei der ansonsten von klassischer Musik dominierten Kulturwelle WDR 3 bis kurz nach 22.00 Uhr auf ihre Musik warten. Aber dann gab es von kundigen Musikjournalisten konzipierte und moderierte, zweistündige monothematische Sendungen zu einzelnen Musikern, historischen Epochen, aktuellen Tendenzen oder Stilrichtungen. Da wurde natürlich Musik gespielt, aber auch viel über Jazz gesprochen, fachkundig und informativ. Damit ist es nun vorbei. Schon im August vorigen Jahres teilte der WDR den rund 20 freiberuflichen Autoren und Moderatoren von „Jazz & World“ mit, auf ihre Dienste ab dem 1. April 2019 verzichten zu wollen Unter den Betroffen viele renommierte Journalisten wie Karl Lippegaus oder Michael Rüsenberg, die seit Jahrzehnten für Jazz im WDR-Hörfunk standen.

Verprellte Anhänger

Statt eines journalistischen Autorenradios soll es nun unter dem alten Titel „Jazz & World“ ein von vier Moderatoren im Wechsel präsentiertes Format geben, das durch von der Redaktion erstellte Playlists führt: Wo man sich bislang an einem Abend entweder dem Jazz oder der Weltmusik widmete, da soll nun künftig eine, so der WDR, „ausgehend vom Jazz genreübergreifende“ Mixtur aus diversen Musikrichtungen zu hören sein. Das könnte von der Musikauswahl her durchaus spannend sein, aber Radioformate mit einem attraktiven, aus Pop, Klassik und Jazz bestehenden Musikmix, der James Blake, Pierre Boulez und John Coltrane kombiniert, hat es im deutschen Hörfunk noch nie gegeben, da für eine solche Offenheit hierzulande angeblich oder in Wirklichkeit keine Zielgruppe existiert. Vor diesem Hintergrund ist äußerst fraglich, ob das neue Konzept von „Jazz & World“ aufgehen kann, da die Schnittmenge zwischen den Fans der beiden Stilrichtungen nicht sonderlich groß sein dürfte. Womöglich verprellt man mit der neuen Ausrichtung die Anhänger beider Genres.

Wie auch immer sich das neue Format mit altem Namen künftig anhören wird – auch hier kommt nun deutlich die grassierende Tendenz zum Formatradio der großen Beliebigkeit zum Ausdruck. Damit entäußert sich der WDR auch in Sachen Jazz ohne Not einer über Jahrzehnte gewachsenen journalistischen Kompetenz, statt seine Stärken gegenüber kommerziellen Konkurrenten offensiv auszuspielen. Hörbare Playlists bekommt man inzwischen schließlich auch via Internet von kommerziellen Gratis-Anbietern wie Spotify geboten. Und dass sie dabei auf launige Zwischenmoderationen verzichten, gereicht diesen Angeboten durchaus zum Vorteil.

Ausgemusterte Journalisten

Derweil übten sich die bei „Jazz & World“ ausgemusterten freien Journalisten in ihren Sendungen in den letzten Wochen dezent in Trauer. So leitete etwa Stefan Hentz am 26. März seine Moderation zu einem Konzertmitschnitt des Pianisten Joachim Kühn mit den Worten ein: „Meine letzte Sendung an dieser Stelle.“ Derweil lässt der WDR nichts unversucht, den radikalen Schnitt als lediglich kosmetischen Eingriff zu verkaufen. Natürlich werde der Jazz seinen hohen Stellenwert im Programm von WDR 3 behalten, heißt es in einer Pressemitteilung und hinzugefügt wird, dass den bisherigen Autoren ein Angebot zur weiteren Zusammenarbeit unterbreitet worden sei. Konkret handelte es sich dabei um die Offerte, künftig weiterhin Beiträge zu verfassen, die dann im Internet-Auftritt von WDR 3 les- oder hörbar sein würden. In der Sitzung des WDR-Rundfunkrats am 29. März kam das Thema „Jazz & World“ noch einmal zu Sprache, aber da die Entscheidung über die Veränderungen ja betreits getroffen war, beschränkte sich die Erörterung darauf, dass WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber auf Nachfragen von Rundfunkratsmitgliedern erläuterte, warum das neue Konzept ihrer Meinung nach sinnvoll sei und keinen Qualitätsverlust bedeute.      

Abgesehen von dem grundsätzlichen Trend auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern, sämtliche Inhalte jenseits der leichten Konsumierbarkeit kostengünstig ins Internet abzuschieben, während on air vorzugsweise dem Mainstream gehuldigt wird, bleibt natürlich erst einmal abzuwarten, wie ambitioniert sich die künftigen Playlists bei „Jazz & World“ ausnehmen werden. Ob da noch Raum sein wird für sperrige Innovationen und Newcomer oder das Ganze über kurz oder lang zu einem Gefälligkeitsradio degenerieren wird, bei dem nur noch „Summertime“ auf „The Girl von Ipanema“ folgt Aber es spricht viel dafür, dass „Jazz & World“ anders als Twix künftig nur noch als Mogelpackung zu haben ist.

31.03.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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