Jane Austen: Northanger Abbey. 2‑teiliges Hörspiel (HR 2 Kultur)

Empfindsamkeit und Schauerromantik

25.05.2019 •

Die Schriftstellerin Jane Austen (1775-1817) hat sechs Romane geschrieben, von denen „Emma“, „Stolz und Vorurteil“ und „Mansfield Park“ zum Kanon der empfindsamen Romane („sensitive novels“) der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts zählen. Weniger bekannt ist ihr erster, 1817 kurz nach ihrem Tod erschienener Roman „Northanger Abbey“, der bereits die wichtigsten Erzählelemente der folgenden Romane enthält: die Darstellung der Reifeprozesse junger Frauen und die sozialen Lebensverhältnisse des Landadels und des Bürgertums, in denen sich Jane Austen als Tochter eines Geistlichen gut auskannte.

Die zentralen Figuren in „Northanger Abbey“, jetzt vom Hessischen Rundfunk (HR) als Hörspiel produziert, sind die 17-jährige Catherine Morland und die etwas ältere Isabella Thorpe, die sich in dem südenglischen Kurort Bath kennenlernen, wohin die ansonsten in einem kleinen Dorf lebende Catherine von einem befreundeten Ehepaar eingeladen wurdet. Die Landpomeranze lernt das soziale Ambiente einer Gesellschaft kennen, in der Vergnügungen den Lebensmittelpunkt zu bilden scheinen – viele Hörspielszenen spielen in Ballsälen, in denen viel geschwatzt und gebalzt wird. Catherine und Isabella werden heftig umworben, die jungen Frauen haben die Wahl zwischen, wie man heute sagen würde, Softies und Machos. Konkurrenzverhalten und Eifersüchteleien, Hoffnungen und Enttäuschungen in den Liebeswirren füllen den Hauptteil des handlungsarmen ersten Hörspielteils.

In diese heutzutage eher trivial erscheinenden Lovestorys, in denen die Sexualität kein Thema ist, hat Jane Austen einen zweiten Erzählstrang verwoben: Catherine ist eine begeisterte Leserin der zu jener Zeit modischen Schauerromane, besonders des Romans „Die Geheimnisse von Udolpho“ (1794) von Ann Radcliffe, aus dem ein Sprecher in signifikanten Hörspielszenen einige Passagen zitiert. Als Catherine von der Familie ihres Verehrers Henry Tilney, einem jungen Geistlichen, auf den Tilneyschen Landsitz Northanger Abbey eingeladen wird, projiziert sie ihre Leseerlebnisse in die Erwartung schaurigen Geschehens in dem ehemaligen Kloster. Als sie ein verschlossenes Zimmer entdeckt, glaubt sie in ihrer überhitzten Phantasie einem dunklen Familiengeheimnis auf der Spur zu sein.

Inspiriert von den Verbrechen im „Udolpho“-Roman, wähnt sie die vor vielen Jahren gestorbene Ehefrau des alten Generals Tilney in dem Raum aufgebahrt, meint, der Ehemann sei ein Mörder. Catherines Verlobter, der junge Tilney, entlarvt die Verdächtigungen als törichte Phantasien und lehrt Catherine, die Wahrheit zu akzeptieren: Die Frau ist an einem Gallenleiden gestorben. Desillusioniert kehrt Catherine ins Elternhaus zurück, doch es gibt für sie – anders als in den Schauerromanen, aber wie in den sentimentalen Romanen – ein Happy-End: die Hochzeit mit Henry Tilney.

„Northanger Abbey“ verdient literarhistorisches Interesse, der Hörspielproduktion ist auch ein Unterhaltungswert zu attestieren. Silke Hildebrandt hat den von Andrea Ott übersetzten Roman (die erste deutschsprachige Buchausgabe ist 1948 erschienen) für das Hörspiel bearbeitet und auch solide inszeniert – mit einem richtigen Gespür für die feinen Ironien der Vorlage. Dramaturgisch weniger überzeugend sind die „Udolpho“-Zitate, diese Sequenzen wären in inneren Monologen Catherines psychologisch plausibler gewesen. Aus dem guten Sprecher-Ensemble sind Anna Drexler (Catherine), und Anne Müller (Isabella) und Ulrich Noethen als Erzähler mit leichtem ironischen Understatement hervorzuheben. Jakob Diehl hat die Musik für die Ballszenen komponiert und für die ‘intimen’ Szenen eine gefühlvolle Komposition für ein Streichquartett notiert.

Koproduzent der Hörspielversion von „Northanger Abbey“ ist der Münchner Hörverlag, der das Hörspiel im September als Hörbuch-Ausgabe veröffentlichen wird. Die HR-Produktion, vom Sender über die beiden Ostertage in zwei Teilen ausgestrahlt (65 und 68 Minuten), steht bis Mitte September zum Online-Abruf zur Verfügung. Der Hessische Rundfunk hat angekündigt, in den nächsten drei Jahren alle Romane von Jane Austen als Hörspiele zu produzieren.

25.05.2019 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK