Jan Wagner: Mandeville. Vaudeville (Deutschlandfunk/SWR 2)

Brevier der Schelme und Vaganten

06.01.2021 •

„Ich bin lange Jahre über das Meer gefahren und habe viele seltsame Inseln gesehen und viele wunderliche Städte und Königreiche“, beteuert der edle, aber über alle Jahrhunderte geheimnisvoll unbekannt gebliebene Kreuzfahrer und Ritter Jean de Mandeville, auch Jehan, Johannes oder John genannt, der in der Zeit zwischen 1322 und 1356 seine denkwürdige Pilgerreise nach Jerusalem unternommen haben will. Aber so ganz sicher, ob da alles stimmt mit seinen Geschichten und Fiktionen, das ist man bis auf den heutigen Tag nicht.

Jedenfalls beteuert der edle Ritter in seinem umfänglichen Schriftsatz (vgl.: „Reisen des Ritters John Mandeville. Vom Heiligen Land ins ferne Asien“, Edition Erdmann, Lenningen 2004) die Nützlichkeit seiner Reise auch für künftige Globetrotter. Und wenn jemand Mut haben sollte, ebenfalls eine solche Reise zu unternehmen, so möge sein Reisebericht ihm helfen, schrieb der Ritter, „sich besser zurechtzufinden. Und alles, was ich euch gesagt habe, ist wahr.“ Konstantinopel, Ägypten, Nazareth, die Kirche zum Heiligen Grab, das Land der Frauen, das Land der Mohren, Persien und Indien, das alles will John Mandeville aufgesucht und getreulich beschrieben haben. Das Buch, ein Bestseller des Mittelalters, wurde in ganz viele Sprachen übersetzt und ist in vielen Handschriften überliefert.

Dem Lyriker und Büchnerpreisträger Jan Wagner, der 2017 mit seiner musikalischen Goldsucher-Revue (Deutschlandfunk/SWR) bereits Aufmerksamkeit erregte – zumal hier die Verschränkung von Musik, Wort und Moritat im Radio eine vorzügliche Synthese einzugehen vermochte (vgl. MK-Kritik) –, ist mit dem Zugang zu Mandevilles Reiseberichten neuerlich die kluge Durchdringung eines komplexen Textes und seiner literarischen Bausteine gelungen. In völlig freier Handhabung von Mandevilles Vorgaben gestaltete Wagner, wieder in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Sven-Ingo Koch, ein herrliches akustisches Kaleidoskop über den christlich inspirierten Weltenbummel Mandevilles, wobei der überlieferte Reisebericht allenfalls als Anregung und freilassende Inspiration gedient haben dürfte. (Jan Wagner, das sei nicht vergessen, hat hier in originalhörspielarmer Zeit wieder ein Originalhörspiel geschaffen, keine „Bearbeitung“!)

Nicht zufällig trägt das 70-minütige Hörspiel den Titel „Mandeville. Vaudeville“ und enthält also mit dem nachgestellten Begriff für eine alte französische Liedgattung einen deutlichen Hinweis, dass das mittelalterliche Radiotableau sich auch dem Volkslied, schelmischen Gassenhauern oder eben launigen Trinkliedern verbunden weiß. Und dieser Brückenschlag zwischen Kreuzritter-Befindlichkeit einerseits und moderner, Brecht-Eisler-eingefärbter Klang- und Liedkultur andererseits, das ist in diesem Brevier über Schelmen und Vaganten trefflich gelungen.

Allerdings erfordert das amüsante Radiostück die volle Aufmerksamkeit des Hörers, denn Lied und Stoff sind nuancenreich aufgebaut und nicht dafür bestimmt, mal eben so nebenbei gehört zu werden. Köstlich die liedhaften und circenhaften Einlassungen der drei Windschwestern (auf hohem musikalischem Niveau), wunderbar die kommentierenden Sternseher und Winzlinge oder die zwei Brahmanen. Und nach rund 25 Hörminuten wird tiefsinnig bemerkt: „Man muss wohl lernen, mit den Ohren zu sehen – oder mit den Augen zu hören.“

Wolf-Dietrich Sprenger knorzelt singend, klingend und rhapsodierend als Ritter Mandeville, wobei ihn Aljoscha Stadelmann als Schreiber liebevoll akkompagniert. Leonhard Koppelmann (Regie) führte bei dieser anspruchsvollen Radioarbeit mit Sinn fürs Groteske und Komische souverän zwischen Schlangenessern, Hexen, Einfüßlern, Jerusalem, Magnet­felsen und weiteren Kuriositäten hindurch. Den stets verlässlichen und roten Faden aber, den knüpfte nicht zuletzt Sven-Ingo Koch: Ohne modische Anpassung an kolorierende Hörspielmusik gelang ihm die Intervention an ein fulminantes Hörgeschehen aus dem fernen Mittelalter und akustische Signaturen und Zeichensetzung der Gegenwart.

Bei „Mandeville. Vaudeville“ handelt es sich wie bei Wagners Goldsucher-Revue erneut um eine gemeinsame Produktion von Deutschlandfunk und SWR. Beim Deutschlandfunk erfolgte am 12. Dezember 2020 die Erstausstrahlung des neuen Stücks. Im Programm SWR 2 war es am 1. Januar 2021 zu hören.

06.01.2021 – Christian Hörburger/MK

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