Jan Peter Bremer: Der kurze Weg (HR 2 Kultur)

Lähmungen und Halluzinationen

20.12.2019 •

Ein Mann überfährt mit seinem Fahrrad ein Kind und fährt weiter, ohne sich umzusehen. Durch seine Schuldgefühle wird er peu à peu verrückt. Dieser Mensch ist eine interessante Figur, die sich gut für ein erzählerisches Experiment eignet – das zumindest muss sich Jan Peter Bremer gedacht haben, denn der 1965 geborene, in Berlin lebende Autor hat den Mann als Handlungsträger und Ich-Erzähler seines Hörspiels „Der kurze Weg“ entworfen und ihm seinen eigenen Vornamen gegeben: Jan. Den erdachten Namensvetter (gesprochen von Florian von Manteuffel) schickt Bremer hier auf einen Trip, der wirkt wie ein Fiebertraum.

Radioaffin angelegt ist das in weiten Strecken monologische Stück „Der kurze Weg“, das unter Regie von Oliver Sturm für den Hessischen Rundfunk (HR) produziert wurde, auf jeden Fall – es sucht sogar geradezu den mystifizierenden Nebel der Reduktion auf das Akustische. Das Hörspiel wurde Ende November im Programm HR 2 Kultur urgesendet und steht nach Angaben des Senders nun noch eineinhalb Jahre auf hr2.de und in der ARD-Audiothek-App zur Verfügung. Weitere Mitwirkende in dem rund 43-minütigen Stück (Komposition: Jakob Diehl) sind Birte Schnöink, Imogen Kogge, Gunter Schoß und Niels Kreutinger. Jan Peter Bremer hat mehrere Romane geschrieben, sein neuester Roman „Der junge Doktorand“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019. Seit 1997 arbeitet Bremer auch regelmäßig für den Hörfunk.

Am Beginn des Originalhörspiels „Der kurze Weg“ steht der besagte Unfall: Jan überfährt mit seinem neuen Rad das Kind, das auf die Straße rennt, im Beisein von dessen Mutter und flüchtet. Obwohl er erkannt zu haben glaubt, dass es sich bei den beiden um Frau und Kind seines besten Freundes handelte, hofft Jan, unerkannt davongekommen zu sein.

Die eigentlich recht überschaubare weitere Handlung bekommt durch Jans fragwürdigen Zustand, der sich darauf auswirkt, wie er von dem Geschehen berichtet, den zunehmend fiebertraumartigen Charakter. Zunächst geht es aber noch einigermaßen plausibel zu. Sein bester Freund kündigt Jan die Freundschaft, ohne das Geschehene zu thematisieren. Kurz darauf fahren Jan und seine Freundin, die er im Unklaren über den Unfall hält, mit dem Fahrrad zum Elternhaus, denn sein Vater soll sterbenskrank sein. Nach der Ankunft wird sich der geistesabwesende Jan einiger Gedächtnislücken bewusst, denn er kann sich nicht erinnern, den weiten Weg zu seinen Eltern zurückgelegt zu haben.

Nun ist es vorbei mit Jans Selbstreflexion, von da an geht es ganz steil bergab mit ihm: Körperliche Lähmungserscheinungen, Rückfälle in infantile Verhaltensmuster, Filmrisse und Halluzinationen sind seine Begleiter und prägen auch das überschaubare erzählte weitere Geschehen. Jan krabbelt am Boden herum wie ein Kleinkind, seine Freundin versucht, seinen Vater zu verführen – oder umgekehrt –, und wie aus dem Nichts stirbt dann auch noch Jans bester Freund, dessen Kind er überfahren hat, auf der Couch im Wohnzimmer der Eltern und die Leiche muss auf mütterliches Geheiß hin entsorgt werden.

Das klingt gefährlich, verrucht und verworren. Leider ist das Hörerlebnis selbst aber nicht so spannend, denn die Erzählung hat kein Interesse, über den Tellerrand der Psyche ihrer Hauptfigur hinauszublicken. Und so muss man sich beim Hören mit so belanglosen Szenen zufriedengeben wie jener, in der Jan auf einer Wiese liegt und mit den Beinen in der Luft strampelt. Gegen Ende des Stücks wird Jan von seinen Eltern wieder allein nach Hause geschickt; sein Einwand, der Weg sei doch so weit, wird abgetan, der Weg sei, ganz im Gegenteil, kurz. Als Experiment mit unzuverlässigem Erzählen mag das Hörspiel „Der kurze Weg“ ganz passabel sein, ein Stück mit einer packenden Story ist es allerdings nicht.

Ein großes Fragezeichen bleibt in jedem Fall: Wieso ist es bei dem Unfall in dieser fiktiven Geschichte, einem Unfall, der von den Details her nicht weiter erläutert wird, gerade ein Radfahrer, der dabei ein Kind tötet? Die von Autor Jan Peter Bremer gewählte Konstellation mutet fast schon makaber an, denn im realen Straßenverkehr sind es eher Radfahrer, die von Autos angefahren werden. Fahrradfahrer leben im Autoland Deutschland gefährlich, die Zahl der getöteten Radfahrer im Straßenverkehr ist zuletzt deutlich gestiegen. Ein Fahrrad in einem unmotorisierten Verkehrsunfall mit einem kleinen Kind, das dabei getötet wird, ist zwar eine legitime Fiktion (und möglicherweise gibt es auch das ein oder andere reale Vorbild) – indes, die Ausgangssituation von Bremers Hörspiel hätte, was die tatsächlichen Zustände im Straßenverkehr angeht, eine weitere Ausarbeitung verdient gehabt.

20.12.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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