Jan Holtmann/Philine Velhagen: Kunst packen (WDR 2/WDR 5)

Ansteckende Lust am Experiment

29.05.2021 •

Wenn es eine Figur gibt, die emblematisch für den gesellschaftlichen Ausnahmezustand des zurückliegenden Jahres stehen kann, dann die des Boten. Lieferanten aller Art versorgen die in ihre Wohn-Arbeits-Höhlen regredierte Menschheit mit dem Nötigsten und Unnötigen; die GPS-getrackten Laufwege der Paketebringer sind die letzten Leuchtspuren der alten Dingkultur. Verborgen ist daran nichts, denn Hermes heißt heute Hermes. Wie aber reagiert die Bildende Kunst, die zu Botschaften ein fast psychotisches Verhältnis pflegt – nichts ist wichtiger; nichts ist härter zu bekämpfen –, auf den Boten-Siegeszug? Höchst elektrisiert, muss man sagen, zumindest im Umfeld der auf kreative Kunstvermittlung spezialisierten Hamburger Noroomgallery von Jan Holtmann, die sich in Kooperation mit bekannten Künstlern wie Mariola Brillowska, John Bock, Christian Jankowski oder Michaela Melián mit ansteckender Lust am Experiment dieses Ausspielungswegs bedient hat: Das Medium ist das Paket.

Indem Interessenten nach der Meldung bei einer Bestell-Hotline mit Kunstpaketen beschickt wurden, die erst im Auspacken zu einem Werk erwuchsen, und zwar zu einem Gemeinschaftswerk mit den Empfängern – stets ging es um die Aktivierung derselben, die hier nie bloße Rezipienten waren –, brachte diese im ersten Lockdown entwickelte Aktion auf spielerische Weise noch einmal die großen Fragen des Kunstdiskurses aufs Tapet: Was eigentlich ist, wo entsteht und wem dient die Kunst? Ist die betrauerte Schließung der Museen, in denen das Publikum in quasi-religiöser Andacht vor teuer gehandelten Genie-Kreationen erstarrt, nicht vielleicht auch eine heilsame Erfahrung? Freilich wohnt der Bescheidenheitsgeste, Kunst nicht länger als Massenbeschwörung zu sehen, sondern als individuelle Sender-Empfänger-Kommunikation, auch die Gefahr eines neuen Elitarismus inne: Die Hamburger Paketkunst, obwohl weitergeschickt, dürfte nicht viele Menschen direkt erreicht haben.

Hier kommt das von Jan Holtmann und der erfahrenen Hörspielregisseurin Philine Velhagen für den WDR realisierte Hörspiel „Kunst packen“ (Dramaturgie: Isabel Platthaus) ins Spiel, das nicht einfach nur eine anregende Nebenverwertung darstellt, sondern als kluge Umverpackung zu diesem Projekt genuin dazugehört. Auf diese Weise nämlich ist es nun doch einer unbegrenzten Zahl an Hörern möglich, den Wegen der noch unvollendeten Paketbotschaften zu folgen und jene „Vernissage“-Momente zu erleben, in denen – nach dem behutsamen Aufschneiden oder wilden Aufreißen der Lieferung – eine künstlerische Idee auf dafür offene Geister trifft und sich gewissermaßen gesellschaftlich materialisiert. Obwohl ein signifikanter Teil der konzeptuellen Kunst seit langem auf Performativität abstellt, bringt diese Form von Adressierung noch einmal eine neue Interaktionsnuance mit sich.

So ruft der Bildhauer Bogomir Ecker seine Empfänger auf, mit Schaumstoff Löcher der Gegenwart zu stopfen, und es folgt ein Erkundungsgang der Adressaten durch den nie zuvor als so perforiert wahrgenommenen Stadtraum. Ein anderes Mal soll anhand von Gruselutensilien das naive Erschrecken wiederentdeckt werden. Das „Care Paket“ von Michaela Melián, das ein Buch, eine Haydn-Aufnahme, Sekt und Schokogoldtaler enthält, belebt inmitten der Pandemie-Egozentrik auf rührende Weise den Solidaritätsgedanken der Nachkriegszeit neu. Die Skulptur eines von innen gesehenen Kusses (als Negativ diente Abformmasse, die die Künstler beim Küssen im Mund hatten) verweist mittels beigefügter Erklärung auf die lautstark stille Abwesenheit von Nähe. Auch die ganz direkte Verbindung wird genutzt. Die „Kunstaufstellung“ von Mariola Brillowska etwa findet unter telefonischer Anleitung statt, wobei sich spontan ergibt, dass die gelieferten Puppen für den Alpha-Künstler Gerhard Richter und seine ehemalige Studentin und heutige Ehefrau Sabine Moritz stehen und zeigen, wie Letztere als Künstlerin verlorengegangen ist (ergo: „Gerhard muss weg“).

Das allein reicht den Hörspielmachern aber keineswegs, denn ihre Sendung (nun im rundfunktechnischen Sinne) soll dem Projekt der Kunstsendungen eine eigene, eine Metaebene hinzufügen, auf der nicht nur die Grundidee selbst diskutiert, sondern zugleich über das Kunstsystem und seine engen Grenzen nachgedacht wird. Und auch das geschieht auf eine verspielte, nie in blutleeren Theoriejargon abgleitende Weise. Es beginnt schon mit der Feststellung des WDR-3-Moderators Sascha Ziehn, das erwartete Hörspiel müsse leider entfallen, denn es gebe Anlass, sich der Realität zu stellen. Die gesamte Rahmenhandlung ist dann ein Gespräch Ziehns mit einer „Weltraumethnologin“ (Ulrike Schwab). Und so gesucht die Bezugnahme auf ein Paralleluniversum namens „20-20-21“ wirkt, wo alles wie bei uns sei, nur mit anderthalb Metern Abstand, so sehr lässt diese luftige Inszenierung alle geisterhaft schillernden Wirklichkeitsfiktionen seit Orson Welles’ „Krieg-der-Welten“-Hörspiel anklingen.

Noch viel wichtiger für die Umsetzung ist allerdings, dass die Produktion die Hörer als Botschaftsempfänger ganz im Sinne des Projekts behandelt. Dazu geben uns zwei ortlose Stimmen (Dominik Freiberger, Christa-Maria Greve) Material an die Hand, teils Hintergrundwissen (etwa über Readymades), vor allem aber Denkanstöße in Form von „Zetteln“: „Kunst ist mehr als das Objekt“, „Kunst darf nicht ausfallen“, „Kritik ist Liebe“. Es handelt sich also um eine Art Baukasten, aus dem sich im Abgleich mit den mehr abgelauschten als erklärten Aus- und Entpackungen – Einzelausstellungen im Wortsinn – eine ganz individuelle, unorthodoxe, aber gleichwohl komplexe Kunstauffassung zusammensetzen lässt. Damit ist „Kunst packen“ sicherlich eines der anregendsten Hörfunkexperimente der Lockdown-Ära.

29.05.2021 – Oliver Jungen/MK

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