Hörspiel des Monats August: „In Stanniolpapier“ von Björn SC Deigner

03.09.2019 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „In Stanniolpapier“ von Björn SC Deigner zum Hörspiel des Monats August benannt. Das Stück, in dem es um die Lebensgeschichte einer Prostituierten geht, wurde vom Südwestrundfunk (SWR) produziert, Regie führte Luise Voigt. Erstausgestrahlt wurde „In Stanniolpapier“ am 18. August von 18.20 bis 19.11 Uhr im Programm SWR 2 (vgl. MK-Kritik). Für das Hörspiel war beim SWR Manfred Hess redaktionell verantwortlich, die Komposition für das Stück stammt von Friederike Bernhard. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«Björn SC Deigner liefert mit seinem unkonventionellen Hörspiel „In Stanniolpapier“ (SWR 2019) eine quälend einprägsame Milieustudie, beruhend auf einer realen Begebenheit. Er stellt das Leben der Prostituierten Maria (gespielt von Josefin Platt) als biografische Negativspirale dar. In extrem verstörender Weise fokussiert das Hörspiel mit hoher Intensität Sequenzen eines Lebens im freien Fall zwischen Ausbeutung und Selbstausbeutung vor dem Hintergrund roher Gewalt im Rotlichtmilieu. Selbst in Extremmomenten auf dem Straßenstrich suggeriert Maria einen pragmatischen Optimismus ohne Aussteigervisionen, indem sie paradoxerweise das Leben zwischen bürgerlichem Schein und nächtlichem Sein zu akzeptieren und für gut zu befinden scheint.

Die selektive Selbstwahrnehmung der Protagonistin reicht bis zur Auslöschung ihres Anspruchs auf Selbststimmung durch Unterwerfung unter den Willen ihres Zuhälters. Dies wird durch die beeindruckende schauspielerische Leistung von Josefin Platt zum eindringlich-bedrückenden Hörerlebnis: Das Hörspiel bestürzt, irritiert, rüttelt auf.

Die Regieleistung von Luise Voigt ermöglicht einen Eindruck von der ‘Herzenskühle’ Marias zwischen Schutzmechanismus und Abstumpfung durch den Wechsel der Inszenierungsebenen: Relativ neutrales Erzählen wandelt sich ins Sprechen realer Szenen aus dem Alltag der Prostitution und mündet durch kurze Soundtransitions fließend im Modus des uneigentlichen Sprechens in kaltes, fast emotionsloses Kommentieren des bislang Erlebten.

Höchst beeindruckend ist die konzentrierte Souveränität, mit der die einzige Sprecherin der Produktion, Josefin Platt, Mitglied des „Berliner Ensembles“, diese Ebenen zusammenführt und zwischen verschiedenen Rollen wechselt. „In Stanniolpapier“ bietet – unterstützt durch Momente inszenierter Stille – die Chance zur Reflexion über die Prostitution als dem „ältesten Gewerbe der Welt“. Ein Hörspiel, das im Gedächtnis bleibt.»

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste sprach im August zudem eine lobende Erwähnung aus für das vom NDR produzierte Hörspiel „Remainder“ nach dem gleichnamigen Roman von Tom McCarthy aus dem Jahr 2006. Die 85-minütige Hörspielversion (Bearbeitung und Regie: Hannah Georgi) wurde am 18. August um 21.05 Uhr im Programm NDR Info erstgesendet. Die Jury schreibt dazu, „der skurrile Plot und die damit verbundene Inszenierung eines markanten Lebensmoments“ versuchten, den „erlebten Ausschnitt in verschiedenen Reminiszenzen und in immer wieder neuer Weise zu prolongieren“. Beeindruckend sei dabei „ein variables Setting, das die Produktion zu einem abwechslungsreichen Erlebnis werden“ lasse.

03.09.2019 – MK