Hofmann&Lindholm: Alles spricht. Geschichten nach ihrem Ende denken (Deutschlandfunk / WDR 3 / WDR 1Live / Bayern 2 (BR)

Botschaften aus dem medialen Jenseits

11.06.2021 •

Kaum etwas fasziniert die Medientheorie so sehr wie die Seelenverwandtschaft von Psychotechnik und Radiophonie, die in der Doppelbedeutung des Begriffs „Medium“ ihren knappsten Ausdruck findet. Schon in der Entstehungszeit des Rundfunks führte dies zu einem wahren Äther-Okkultismus. Die vom Körper getrennten, gespeicherten und versendeten, mithin untoten Stimmen wurden zum Signet der technischen Moderne, und spätestens seit den „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ von Daniel Paul Schreber aus dem Jahr 1903 war das paranoische Stimmenhören, das der berühmt gewordene Psychotiker als Empfang einer (Aus-)Strahlung beschrieb, so intim mit der damals neuen Radioerfahrung verschleift, dass selbst Sigmund Freud angesichts dieses luziden Textes nicht mehr wusste, wie Wahn und Wahrheit eigentlich noch auseinanderzuhalten seien.

Nach mehr als einem Jahrhundert technischem Medienabsolutismus – es gibt ja längst nichts mehr jenseits des Dazwischen, schon gar keine Wahrheit – kann es freilich erstaunen, dass immer noch Stimmenhörer in ursprünglicher Reinform existieren, mit Geistern kommunizierende Medien also, die gegenüber dem renommierten Regie- und Autorenteam Hofmann&Lindholm vielleicht etwas bescheidener auftreten als „Präsident Schreber“, der sich als neuer Mittelpunkt des Universums erfuhr, aber die dem Anspruch nach weiterhin auf diplomatischer Mission zwischen Dies- und Jenseits sind. Eine ganze Reihe dieser Grenzpendler haben Hannah Hofmann und Sven Lindholm unter Zusicherung von Anonymität für ihr Hörstück „Alles spricht“ vors Mikrofon gelockt, vor dem die von ihren Einflüsterungen berichteten Menschen sich sozusagen entkörpern.

Eine Denkwürdigkeit nach der anderen wird uns dabei präsentiert: Hier erspürt jemand den noch unentdeckten Tod einer Nachbarin, dort wird mit einem Poltergeist verhandelt. Immer wieder stellen diese Empfangsbereiten im Auftrag von Fernfunk-Kunden die Verbindung zu Angehörigen jenseits des schwarzen Vorhangs her – ähnlich wie die Telefonistinnen vor dem Selbstwählverkehr –, und das meist mit frappantem Erfolg, auch wenn das Verwählen durchaus vorkomme: Der Name Egon allein etwa reiche nicht aus, da meldeten sich dann Hunderte einsamer Egons, die sich im Limbo langweilten. Außerdem scheint mit dem Verlassen unserer Sphäre ein Wandel weg vom analogen und hin zum metaphorischen Sprechen einherzugehen. Das muss von den Telepathen erst dekodiert werden. Gern schicken Hopsgegangene auch einfach Ohrwürmer, „Tell me why I don’t like Mondays“ zum Beispiel, woran eine Hinterbliebene hier sogleich ihre Mutter erkennt.

Die Frage, was wir da eigentlich vor uns haben, macht einen Teil des Reizes dieses Äther­zaubers aus. Die von den Machern gewählte Genrebezeichnung „Hörstück“ wirkt bescheiden und lässt clever alles offen. Auf ein Feature deutet die Mischung aus dokumentarischem Material und reportagehaften Gesprächssituationen hin, aber das ohne jede Einordnung (von außen) und ohne alle Konklusionen.

Dafür weist diese ‘Séance’ eine höchst selbstbezügliche innere Dramaturgie auf, weil die von ihren Jenseitskontakten Berichtenden ihrerseits in ein geisterhaftes Gespräch miteinander gebracht werden, und zwar über ein weiteres, ihnen nicht wirklich gegenwärtiges Medium. Gemeint sind Hofmann und Lindholm selbst, die die Aussagen durch den Schnitt in einen sich mal bestärkenden, mal ironisch brechenden Dialog gebracht und mit mal schwerem, mal schwebendem Raumklang umhüllt haben. Nur in diesem Arrangement sind die Regisseure greifbar. Es ließe sich so vielleicht von einer Art Kammerkonzert sprechen, einer Komposition für fünf Geisterstimmen, wobei im Obertonbereich ein ganzer Hades-Chor aus Mythologie, Kunst und Religion mitsingt.

Der Clou besteht nun darin, dass die Produktion auf diese offene Weise dem imaginären Mehrwert ihres feinstofflichen Sujets viel besser gerecht wird als durch jedes derzeit so beliebte Faktenzählen. Es wäre allzu leicht, die esoterischen Aussagen zu dekonstruieren oder diskursanalytisch in ihre Bestandteile aus Mythologie und Paranoia zu zerlegen. Noch leichter wäre es, sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Hofmann&Lindholm aber tun in ihrem rund 55-minütigen Stück – einer Koproduktion von Deutschlandfunk (federführend), WDR und BR – beides nicht. Ganz bewusst ist der Verzicht auf Einrede in diesen kommunikationsseligen Schleiertanz, der seine Fragilität sogar kommuniziert: „Jedes Wort kann es kaputtmachen“; „das Reden passt nicht zu diesem immensen Gefühl“.

Und so wird hier etwas anderes erkennbar, nämlich die Nähe dieses gesellschaftlich tolerierten, aber doch – „Ich bin sehr unbeliebt“ – tabuisierten Umgangs mit dem Unbekannten zu jener Kulturleistung (der Angstbewältigung), in der immer schon Wahn und Wirklichkeit zusammenfielen: der Literatur. Die Kreativität ist womöglich sogar noch größer, denn wo Geschichten sonst enden, beginnen die hier erzählten häufig erst. Das bringt nicht nur eine eigene Poetologie (vom Ende her) mit sich, sondern wirkt wie eine Sammlung von Klappen­texten zu phantasievollen Romanen, die noch geschrieben werden wollen: „Ich hab hier so einen kleinen Jungen, schwarze Haare, Sommersprossen auf der Stupsnase, der ist überfahren worden und der sucht seine Mama.“ Ein anderes Medium schlüpft in ein Tier. Das Übernatürliche ist seit je eine Unterform der Kunst.

Und weil die (mehr prä- als postreligiösen) Grenzgänger bei Ausübung ihrer Berufung dasselbe tun wie auch die Hörer in just diesem Moment: auf körperlose Stimmen hören, stößt „Alles spricht“ ganz schwerelos – und fernab aller medienwissenschaftlichen Theoriegewitter – einen Reflexionsprozess darüber an, wie wir im technischen Zeitalter (das Ohr immer am Lautsprecher) eigentlich zu hören gelernt haben, nämlich mit der kultur- und kunstgeschichtlich geweiteten Bereitschaft, eine gute Geschichte jederzeit der kalten Information vorzuziehen. So unbefangen und vielsinnig wie in diesem Hörstück – das auch zum Online-Abruf bereitsteht – wird selten ins Jenseits hinübergelauscht.

11.06.2021 – Oliver Jungen/MK

` `