Hörspiel und Literatur: Preise für Walter Filz, Paul Plamper und Ulrike Almut Sandig

04.10.2021 •

Gleich drei Preise wurden von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig am 9. September auf ihrem Mediencampus Villa Ida verliehen. Denn wegen der Corona-Epidemie wurden der Günter-Eich-Preis (Hörspiel), der Axel-Eggebrecht-Preis (Radiofeature) und der Erich-Loest-Preis (Literatur), die jeweils mit 10.000 Euro dotiert sind und im Zwei-Jahres-Rhythmus vergeben werden, vor kleinem Publikum überreicht. Erstmals wurde die Veranstaltung auf YouTube gestreamt und es gab wieder fachgerechte Laudationes mit anschließenden Dankesreden statt der in den letzten Jahren mal mehr, mal weniger geglückten Autorengespräche. 

Der Axel-Eggebrecht-Preis ging – wie bereits im Februar dieses Jahres bekannt gegeben worden war (vgl. MK-Meldung) – an den Feature-Autor Walter Filz, der seit 2017 Abteilungsleiter ‘Künstlerisches Wort’ beim SWR ist. Ulrike Toma, Leiterin der NDR-Abteilung ‘Radiokunst’, die zusammen mit der WDR-Feature-Redakteurin Leslie Rosin und der Autorin Linde Rotta die Jury bildete, charakterisierte Filz so: „Er kurvt von Idee zu Geistesblitz und noch weiter, bis er dann endlich sein phantastisches Ziel erreicht hat, nämlich das zeitlos-flüchtige, Momentaufnahmen fixierende und Horizonte erweiternde Humor- und klangvolle Radiofeature.“ Für seine Form des thetisch-komischen Features gehe Filz „mal durch die ganz, ganz offene Tür, mal nehme er die Katzenklappe“, so Toma weiter.

„Das Feature ist nichts Heiliges“

Damit spielte sie auf das erste Feature von Walter Filz an. Es handelt sich um das 1990 urgesendete Stück „Wolfsmilch und Königswasser. Zur Ästhetisierung des Katzenfutters im ausgehenden 20. Jahrhundert“ (WDR). Mit dieser halbstündigen Produktion hatte Filz die Gattung Radiofeature revolutioniert, indem er essayistische wie popkulturelle Elemente in eine bis dahin nicht gehörte radiophone Form brachte. „Philosophischen Feature-Pop vom Feinsten“ nannte Toma die Stücke von Walter Filz und in der Tat sind es oft die kleinen Gegenstände wie eine Modelleisenbahn im Feature „Apokalypse H0 – der etwas kleinere Weltuntergang“ (WDR 1996) oder eine Tupperdose in „Ach wär die Welt doch ganz vertuppert – von der utopischen Kraft der Frischhaltung“ (DS Kultur 1993), die in seinen Stücken als pars pro toto für das ganz Große stehen. Das Hörspielwerk von Walter Filz, der unter anderem mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde (2001), blieb naturgemäß bei der Feature-Preisverleihung unerwähnt.

In seiner Dankesrede sagte Filz, er habe sich nie als Feature-, sondern als Radiomacher verstanden. Seine Arbeit fasste er in das Bild eines Krippenfigurenschnitzers: Mal bekomme man den Auftrag für eine Hirtengruppe, mal für die Heiligen Drei Könige, aber meisten schnitze man Schafe, denn „Schafe braucht man herdenweise auf Krippen“ – vulgo: im Radio. Der Auftrag für eine ganze Krippe, also ein künstlerisches Feature, sei aber etwas Besonderes. Josef, Maria und das Jesuskind kommen in den Herrgottsschnitzereien von Walter Filz aber nicht vor. Warum? Weil man im Radio Krippen bauen kann ohne die Heilige Familie in der Mitte, denn, so Filz in seinem Schlusswort: „Das Feature ist nichts Heiliges.“

Die akute Bedrohung des Hörspiels

Der Günter-Eich-Preis, vergeben für „das Lebenswerk von Autoren, die mit Radioarbeiten das Repertoire der Gattung Hörspiel vielgesichtig und stetig erweitert haben“, ging ebenfalls an einen Träger des Hörspielpreises der Kriegsblinden: Paul Plamper. Der frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer, der die meisten Stücke Plampers federführend produziert hat, erzählte auf der Leipziger Veranstaltung davon, wie begeistert er beim Abhören von Plampers Pop-Hörspiel „TOP HIT leicht gemacht – In 50 Minuten an die Spitze der Charts“ (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 24/02) von der inszenatorischen Präzision der Umsetzung war. Tatsächlich erbrachte diese Hörspielproduktion dann auch einen Song, der sich in den deutschen Single-Charts platzieren konnte.

Für seine Versuchsanordnung „Ruhe 1“, die als Installation im Kölner Museum Ludwig multiperspektivisch einen sich wiederholenden Schockmoment in Szene, fand Paul Plamper auch im Radio eine Form, die die Gleichzeitigkeit der Installation in das lineare Medium überführte (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 2-3/08). Auch Plampers hybride Stücke „Der Kauf“, „Dienstbare Geister“ und „Der Absprung“ wurden von Schiffer als Formen gewürdigt, die immer auch das politische Anliegen des Autors nachvollziehbar machten. Plampers Werk steht in der Tradition von Günter Eich, dessen Satz „Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt“ auch die Preisträger-Urkunde ziert.

Sand wollte denn auch Paul Plamper sein, der seine Dankesrede dafür nutzte, auf die akute Bedrohung des Hörspiels durch den Wegfall von Sendeplätzen, Wiederholungen und Übernahmen hinzuweisen. Letztere hätten ihm als Hörspielautor die Möglichkeit gegeben, sich während der langen Entwicklungs- und Schnittphasen zu finanzieren. So habe er sich auf professionellem Niveau auf dem „grenzfreien Experimentierfeld des Hörspiels“ ausprobieren und künstlerisch wachsen können. Die jungen, hochbegabten Kollegen in seinen Teams müssten heute, anstatt sich auf die Entwicklung ihrer ureigenen Hörspielsprache konzentrieren zu können, Podcasts in Serien schneiden und tausend Projekte nebenher machen, um über die Runden zu kommen.

Zweitverwertungen von Bestsellern

Außerdem, so Plamper, seien „Zweitverwertungen von Bühnenstücken oder Hörspieladaptionen von großen Werken der Weltliteratur und Bestsellern auffällig en vogue“ und somit werde in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten „das aufwendigere und somit auch teurere Originalhörspiel zunehmend umschifft“. Plampers Befürchtung ist, dass durch diese Entwicklung künftig nur noch routiniert das Erwartbare produziert werde. „Für die Fortentwicklung eines vielstimmigen Repertoires, wie es in den Statuten des Günter-Eich-Preises heißt, werden Sie dann hier niemanden mehr auszeichnen können“, fasste Plamper seine Befürchtungen zusammen. Künftig übernimmt Juror Thomas Fritz, ehemaliger Hörspieldramaturg des MDR, beim Günter-Eich-Preis den Jury-Vorsitz von Wolfgang Schiffer, der zusammen mit Linde Rotta aus dem Gremium Jury ausscheidet. Wer für die beiden neu in die Jury kommt, steht noch nicht fest.

Dass die Vergabe des Erich-Loest-Preises, der sonst traditionell am 24. Februar, dem Geburtstag des Namensgebers, verliehen wird, in diesem Jahr mit der Verleihung der beiden Radiopreise kombiniert wurde, war eine glückliche Fügung. Denn die für ihr lyrisches Werk und ihren Debütroman „Monster wie wir“ ausgezeichnete Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig ist auch Hörspielautorin. Zusammen mit Grigory Semenchuk, mit dem Sie das Poesiekollektiv „Landschaft“ bildet, performte sie zum Abschluss der Verleihungsfeierlichkeiten in Leipzig drei wunderbar leichte Poesie-Popsongs, einen aus Anagrammzeilen einer britischen Slam-Poetin, einen, der sich mit einem Schauergedicht von Annette von Droste-Hülshoff auseinandersetzt, und schließlich Sandigs eigene „Anleitung zum Lachen auf Abstand“.

04.10.2021 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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