Hörspiel des Monats Mai: „We love Israel“ von Noam Brusilovsky und Ofer Waldman

15.06.2018 • Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat die Produktion „We love Israel“ von Noam Brusilovsky und Ofer Waldman als Hörspiel des Monats Mai ausgezeichnet. Bei „We love Israel“ (vgl. MK-Kritik) handelt es sich um ein Hörspiel- und Podcast-Serial in sieben Folgen, produziert vom Südwestrundfunk (SWR). Im Radio wurde die Serie (Regie: Noam Brusilovsky) im Programm SWR 2 in zwei Blöcken urausgestrahlt: Teil 1 mit den Folgen 1 bis 4 lief am 17. Mai, Teil 2 mit den Folgen 5 bis 7 war am 24. Mai zu hören (jeweils ab 22.03 Uhr). Beide Blöcke hatten eine Länge von rund 54 Minuten. Seitens Redaktion und Dramaturgie zeichnete Manfred Hess (SWR) für „We love Israel“ verantwortlich; die Komposition für das Serial, das im Juni online noch als Podcast abrufbar ist, stammt von Tobias Purfürst und Yair Elazar Glotman. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«In smarter Gestaltungsökonomie kommen die beiden in Israel geborenen Autoren Noam Brusilovsky und Ofer Waldman in „We love Israel“ umgehend zur Sache: Auf die Frage einer geschauspielerten Beamtin der Passkontrolle, warum sie nach Israel fliegen wollen, antworten echte deutsche Passagiere, darunter ein Pfarrer und ein Generalleutnant der Bundeswehr a.D., im Originalton. Damit ist klar, dass in diesem Podcast-Serial die beiden Ebenen von Fiktionalem und Dokumentarischem intensiv ineinander geblendet und nicht nur Staatsgrenzen reflektiert werden.

Als Hörer sind wir bereits auf den nachfolgenden Dialog im Regiestudio eingestimmt, wo ein Autor den anderen bittet, „Podcast“ zu definieren: „So eine moderne Online-Geschichte, irgendwas zwischen Feature und Hörspiel. Komisches Wort, aber bitte, hier spreche ich also ein Podcast.“ So spielerisch-offen wie diese Erläuterung ist auch die Form der Serie „We love Israel“, in der es aus Anlass des 70. Jahrestages des britischen Mandatsendes über Palästina und der Gründung des Staates Israel um die zentrale Frage geht, wie sich die Liebe von Deutschen zu Israel und die von Israelis zu den Deutschen darstellen kann.

Da werden in sieben kurzen Folgen so schwergewichtige Themen wie Schuld und Sühne erfrischend respektlos und zugleich gedankenreich behandelt. In der zweiten Episode beispielsweise steht die Erinnerungskultur von Via Dolorosa und Yad Vashem im Fokus und das Geschäft mit Tränen ist ein Aspekt dabei: „Ich wasche meine Hände in deutschen Tränen“, sagt ein Reiseführer, „alles vermischt sich, Opfertränen, Tätertränen. […] Danach gibt es einen freien Tag, shoppen und so.“ Am Schwulenstrand von Tel Aviv hingegen geht es urkomisch um Sprache (bedeutet der Name Feigele wirklich Vögelchen oder leitet er sich von fabulous oder faggot ab?) und die deutsche Sehnsucht nach dunkelhaarig und muskelbepackt statt blond und schmal.

Unter rasanten Perspektivwechseln und im Durcheinandergehen von Spiel- und Bedeutungsebenen wird klar, dass die ‘Liebe’ zu Israel sehr unterschiedliche Formen annimmt. Und dass Liebe natürlich Kritik am repressiven Gebaren des Staates einschließt. Zugleich gelingt es den Autoren sehr plastisch, zu zeigen (und nicht bloß zu behaupten und zu beurteilen), wie Missbilligung, die sich als Israelkritik politisch zu maskieren versucht, mitunter in antisemitische Ressentiments umkippt. „We love Israel“ beweist, dass sich Hörspiel, ohne zu moralisieren, auf mutige experimentelle und unterhaltsame Weise auf ein schwieriges Thema einlassen kann.»

Die Jury sprach zudem auch in diesem Monat wieder eine lobende Erwähnung „im Sinne eines zweiten Preises“ aus. Diese lobende Erwähnung erhielt das Hörspiel „Die Maschine steht still“ (NDR Kultur), ein Stück nach der gleichnamigen Erzählung von Edward Morgan Forster, für den Funk eingerichtet von Felix Kubin. Die Jury würdigte das Hörspiel als „Wiederentdeckung eines visionären Textes, der vor 100 Jahren geschrieben“ worden sei, der nun „im Studio musikalisch und spannungsreich inszeniert und von Susanne Sachße facettenreich gesprochen wurde und der in seiner soziologischen und psychologischen Vorhersage fast unheimlich nah an die heutige Wirklichkeit heranrückt“ (die Übersetzung des E.M.-Forster-Textes aus dem Englischen besorgte Gregor Runge).

15.06.2018 – MK