Hörspiel des Monats Januar: „Simeliberg“ von Michael Fehr

23.02.2018 • Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Simeliberg“ von Michael Fehr zum Hörspiel des Monats Januar gewählt. Es handelt sich um eine Koproduktion des Bayerischen Rundfunks (BR) mit Radio Bremen. Die Erstausstrahlung des rund 85-minütigen Stücks erfolgte am 20. Januar um 15.05 Uhr im BR-Kulturprogramm Bayern 2.

Mitwirkende im Hörspiel „Simeliberg“ (Realisation: Kai Grehn) sind unter anderem Martin Feifel, Heinz-Josef Braun, Johanna Bittenbinder und Kathrin von Steinburg sowie als Erzähler Michael Fehr. Die Komposition für das Stück stammt von Schneider TM (Dirk Dresselhaus); redaktionell verantwortlich war Katarina Agathos (BR). Der koproduzierende Sender Radio Bremen strahlt das Hörspiel am 2. April (Montag) um 18.00 Uhr in seinem Programm Bremen Zwei aus. Der Schweizer Michael Fehr, Jg. 1982, lebt als Autor in Bern. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«„Simeliberg“ von Michael Fehr ist mehr als eine Radiofassung seines Buchs: Es ist die Neuverdichtung des abgründigen Romans als poetisches Hörstück, in dem die in eigentümlichem Rhythmus sich entfaltende, eindringlich knorrige Sprache ebenso viel Spannung erzeugt wie die düstere Handlung, die vom ersten Moment an in den Bann schlägt.

Eine imaginäre Schweiz scheint auf in reduziertem elektronischen Sound, A-capella-Zwischengesängen in Moll und Originalaufnahmen als einer von schmalster Farbskala (weiß, Grautöne, schwarz) geprägten Klanglandschaft, in der die handelnden Personen entgegen der mimetischen Konvention mit klarer bayrischer dialektaler Färbung sprechen. Vor allem aber entsteht sie in der Stimme des Autors, der seinen Text so vorträgt, als spräche er ihn in ein Diktafon – so wie Fehr seine bildstarke originelle Prosa ja tatsächlich notiert.

Es sind undurchsichtige Figuren, die dieses düstere Oben (Stadt) und Unten (das Tal, der Sumpf) bevölkern: Der Gemeindsverwalter Anatol Griese, zugezogen aus Deutschland und somit auf ewig ein Halbfremder, fährt mit einer geladenen Schrotflinte über Land. Er soll den Sonderling Schwarz, der keinen Vornamen hat, zur Begutachtung aufs Amt bringen. Hat Schwarz Anspruch auf Fürsorge? Hat der seine Frau umgebracht? Es wird viel geraunt. Sicher aber fungiert er als Anführer einer fremdenfeindlichen paramilitärischen Gruppe von Preppern, die sich vorgenommen hat, den Mars zu kolonisieren und dafür Geld und Waffen im abgelegenen Einsiedlerhof von Schwarz hortet. Eine Explosion, die Tote fordert. Fragmente einer Krimi-Handlung. Ein scheinbar richtungslos vor sich hinarbeitender behördlicher Apparat. Familiäre Verstrickungen. Falsche Verdächtigungen und falsche Toleranz. Beglänzt mitunter von tiefschwarzer Komik.

Ein Stück, das nach Fehrs lapidarem Schlusssatz – „Simeliberg, Aufnahme Ende“ – noch lange nachklingt und den Blick auf Vorurteile und Verbohrtheit im eigenen Lande richtet.»

„Seismographie des Hörspiels“

Eine lobende Anerkennung sprach die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste im Januar aus für das Hörstück „Efeu“ von Dunja Arnaszus. Die Autorin führte bei ihrem knapp 60-minütigen Stück auch Regie. „Efeu“ entstand als Koproduktion von Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) und Hessischem Rundfunk (HR). Die Ursendung erfolgte am 29. Januar um 22.00 Uhr im Programm MDR Kultur. Zu „Efeu“ schreibt die Jury: „Dieses Stationendrama, das die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und -entwürfe von drei sehr unterschiedlichen Nachbarpaaren über zwei Jahrzehnte eng führt, besticht durch seinen leichtfüßigen impressionistischen Charme als ein gelungenes leicht absurdes, modern-alltägliches Sittengemälde.“

Für den von der Deutschen Akademie der Darstellende Künste veranstalteten Wettbewerb ‘Hörspiel des Monats’ gibt es wie immer zu Beginn des Jahres eine neue Jury. Sie wird am Ende aus den zwölf Hörspielen des Monats auch das ‘Hörspiel des Jahres’ wählen. Im Jahr 2018 gehören der Jury die folgenden drei Mitglieder an: Benno Schirrmeister (Redakteur und Reporter, „taz“ Nord), Viktorie Knotková (Schauspieldramaturgin am Theater Bremen und Übersetzerin) und Regine Beyer (freie Radioautorin, -regisseurin und -redakteurin). Gastgebender Sender für die Jury-Sitzungen ist in diesem Jahr Radio Bremen.

Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Wettbewerbs ‘Hörspiel des Monats’ und des 30-jährigen Bestehens der Wahl ‘Hörspiel des Jahres’ ist Ende 2017 das Buch „Seismographie des Hörspiels“ erschienen (380 Seiten, Verlag Belleville). Es enthält Texte von rund 80 Autorinnen und Autoren zu der Kunstform, die das Medium Radio originär hervorgebracht hat, und eine ausführliche Dokumentation über den Wettbewerb.

23.02.2018 – da/MK