Das Hörspiel des Monats Dezember: „Die Welpen“ von Pawel Salzman

31.12.2018 •

31.12.2018 • Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat die dreiteilige Produktion „Die Welpen“ nach der Romanvorlage des russischen Künstlers und Schriftstellers Pawel Salzman zum Hörspiel des Monats Dezember gewählt. Klaus Buhlert hat die Textvorlage (Übersetzung aus dem Russischen: Christiane Körner) für den Funk adaptiert und bei dem Stück auch Regie geführt. Es handelt sich um eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur (Redaktion: Ulrike Brinkmann). Urgesendet wurden die drei Teile des insgesamt 230 Minuten umfassenden Hörspiels am 18. und 25. November und am 2. Dezember (jeweils ab 18.30 Uhr); die einzelnen Teile waren 64, 85 und 81 Minuten lang. Zum großen Ensemble der Mitwirkenden in dieser Produktion zählten unter anderem Bibiana Beglau, Felix Goeser, Franz Pätzold, Hendrik Arnst, Corinna Harfouch, Wolfram Koch, Astrid Meyerfeldt, Lars Rudolf und Thomas Thieme. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«Das künstlerische Schaffen von Pawel Salzman (1912 bis 1985), dem Sohn eines Russlanddeutschen und einer russischen Jüdin, wurde von bildenden Künstlern und Literaten der russischen Avantgarde, deutschen Romantikern und Schriftstellern des Absurdismus beeinflusst. Dies zu einer Zeit, als die Staatsdoktrin sozialistischen Realismus vorgab. Salzman überlebte die Großen Säuberungen Ende der 1930er Jahre sowie ein Jahr der Leningrader Blockade. Er wurde nach Kasachstan evakuiert und überstand die antikosmopolitische Kampagne. Sein Leben lang arbeitete er als Filmausstatter und Illustrator, insgeheim schrieb er Prosa und Gedichte. Erst 2012, dreißig Jahre nach Salzmans Tod, ist sein unvollendetes (Bürger-)Kriegsromanmonument „Die Welpen“ in Russland erschienen. Eine literarische Sensation, die von der mit dem Paul-Celan-Preis geehrten Christine Köhler ins Deutsche übertragen und 2018 von Klaus Buhlert zu einem Hörspiel umgearbeitet und inszeniert wurde. In herausragender Teamarbeit wurde dem Einzelkämpfer Salzman so zuteil, worauf er als Autor sein Leben lang verzichten musste: Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Das dreiteilige Hörspiel hebt gekonnt die Besonderheiten der Romanvorlage hervor und zieht von den ersten, gequält klingenden Geräuschen an die Hörerinnen und Hörer in den Bann. Interpretiert von durchgehend großartigen Sprecherinnen und Sprechern entfaltet sodann die expressionistische Sprache, ihren Sog – präzise, dynamisch, bildintensiv. Gestaltet mit filmischen Mitteln (Perspektivewechsel, Zoom, Distanzaufnahme, Zeitlupe, rohe Schnitte) entsteht eine irrwitzige Kamerafahrt durch Zeit und Räume. Das Hörspiel gewährt fragmentarische Einblicke in das tiefe Leid hungernder und um das bloße Überleben kämpfender Menschen und Tiere, welche sich nach und nach zu einem akustischen Mosaikbild der Verrohung und Desorientierung zusammenfügen.

Klaus Buhlert und seinem Team gelingt es nicht nur, eine beklemmende Kriegsklanglandschaft zu erschaffen, mit zersplitterten Atmosphären und multiplen Erzählstimmen, sondern auch, einzelne Schicksalswege der tierischen Menschen und menschlichen Tiere hörbar und sinnlich erfahrbar zu machen. Ein intensives Erlebnis, schmerzlich durch Salzmans persönliches Zeugnis einer kaum vorstellbaren Not, berührend und verstörend zugleich durch seine künstlerisch einzigartige Vorstellungskraft.»

In den vergangen zwölf Monaten hat die Jury der Akademie elfmal zusätzlich noch eine lobende Anerkennung „im Sinne eines zweiten Preises“ für ein Hörspiel ausgesprochen. Im Dezember 2018 verzichtete die Jury auf diese Belobigung. Auffällig im Jahr 2018 war, dass fünfmal Serien bzw. Mehrteiler zum Hörspiel des Monats gewählt wurden und dass ebenfalls fünfmal Stücke diesen Titel erhielten, die Bearbeitungen von Literaturvorlagen waren. Das klassische Originalhörspiel war beim Wettbewerb „Hörspiel des Monats“ nach 2017 also auch im Jahr 2018 nicht mehr so stark repräsentiert wie in früheren Zeiten (vgl. dazu diesen MK-Artikel).

31.12.2018 – MK

Print-Ausgabe 12/2019

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