Hörspiel des Monats August: „Keine Ahnung“ von Nele Stuhler

15.09.2020 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Keine Ahnung“ von Nele Stuhler zum Hörspiel des Monats August gewählt. Produziert wurde das Stück von Deutschlandfunk Kultur (Dramaturgie: Julia Gabel und Johann Mittmann): Nele Stuhler führte bei dem Hörspiel auch Regie. Als künstlerische Mitarbeiterin war Lisa Schettel beteiligt, die Musik besorgte Laura Eggert (Gesang/Akkordeon). Redaktionell Verantwortliche beim Sender war Barbara Gerland. Die Ursendung von „Keine Ahnung“ erfolgte am 6. August um 22.03 Uhr im Programm von Deutschlandfunk Kultur (vgl. MK-Kritik). Mitwirkende in dem Hörspiel sind Sarah Gailer und Paula Thielecke als dessen Protagonistinnen Kassandra und Sandra, Sophie Rois, die einen elektronischen Museumsguide spricht, und Autorin Nele Stuhler in der Rolle der Erzählerin.

Kassandra und Sandra stünden für „zwei entgegengesetzte Denkweisen, Geisteshaltungen und Weltanschauungen“, erläutert die Jury der Akademie in der Begründung ihrer Entscheidung, „Keine Ahnung“ zum Hörspiel des Monats zu wählen: „Kassandra ist fürs Verstehen zuständig, Sandra fürs Nicht-Verstehen. Getrieben vom wütenden Wunsch, alles wissen zu wollen, unternehmen die beiden Protagonistinnen den Versuch, die eigene Ahnungslosigkeit nicht als Begrenzung zu sehen, die es zu verstecken gilt, sondern als Grundlage, um der Welt begegnen zu können.“ Die beiden unternähmen ein Experiment („Vorlesungen über das Nicht-Wissen“), bei dem sie „traditionelle Weltordnungen sowie Formen und Konzepte von Wissensaneignung und -verbreitung hinterfragen“ würden. Dabei zerpflückten sie „rasant und mit vielen Wortspielen“ den biblischen Schöpfungsmythos, interpretierten die griechische Mythologie neu, führten einen Diskurs beispielsweise über Museumsdidaktik und stellten zum Schluss ein agnostisches Manifest auf. Dabei schaffe es das Hörspiel, „mit intelligentem Witz die Balance zwischen Unterhaltung und Erkenntnisstiftung zu wahren“.

„Das reichhaltige Assoziationsgeflecht“, so die Jury, „berührt eine Vielzahl an Themen, driftet dabei jedoch niemals in die Abstraktion ab, sondern wird durch eine klare Klammer – die des Verstehens bzw. Nicht-Verstehens – zusammengehalten. „Bemerkenswert ist“, heißt es in der Preisbegründung weiter, dass Nele Stuhler in den 56 Minuten ihres Hörspiels „eine ganz eigene Form feministischer Erkenntniskritik entwickelt. Unter Verwendung literarischer, theoretischer und performativer Ansätze interpretiert und reflektiert das Stück die Themen Wissen und Nicht-Wissen radikal und zeitgemäß aus feministischem Blickwinkel.“ Und die Jury lobt: „Tolle Sprecherinnen – allen voran Sophie Rois als körperlose Museumsstimme – tragen zu der hohen Klangqualität des Hörspiels bei, das immer wieder raffiniert die Möglichkeiten des Mediums auslotet, Fußnoten hörbar macht und Quellen offenlegt. Der Schlussappell, dass sich alle Menschen ihr Nicht-Wissen eingestehen sollten, weil sowieso niemand alles wissen könne, wirkt noch lange nach.“ Das Hörspiel „Keine Ahnung“ sei „eine kurzweilige, kluge Reflexion über nichts Geringeres als die conditio humana selbst – und über die immerwährende Herausforderung, über ihre Begrenztheit hinauszudenken“

15.09.2020 – MK

Print-Ausgabe 23/2020

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