Hörspiel des Monats April: „Feuersturm“ von David Paquet

06.05.2021 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Feuersturm“ des in Montréal lebenden kanadischen Autors David Paquet zum Hörspiel des Monats April gewählt. Es handelt sich um eine Produktion des Saarländischen Rundfunks (SR) in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur. Inhaltlich geht es um drei Schwestern in einer toxischen Familie. Die Ursendung des 62-minütigen Hörspiels, das von Anouschka Trocker inszeniert wurde, erfolgte am 11. April um 17.04 Uhr im Programm SR 2 Kulturradio. Bei Deutschlandfunk Kultur wurde die Produktion am 14. April um 22.03 Uhr ausgestrahlt.

Die mitwirkenden Schauspieler in dem Stück (Dramaturgie: Anette Kührmeyer/SR) sind Janina Rudenska, Tilla Katochwil, Effi Rabsilber, Gábor Biedermann, Bettina Kurth und Nele Rosetz. Die Originalkomposition für das Hörspiel „Feuersturm“ stammt von Broshuda (Florian Koch); weitere Musik steuerte Seby Ciurcina bei. Die Übersetzung des Textes aus dem kanadischen Französisch besorgte Frank Weigand. Ein Live-Version des Hörspiels war im November 2020 beim – wegen Corona digital stattfindenden – „Festival Primeurs“ aufgeführt worden, dem Saarbrücker Festival frankophoner Gegenwartsdramatik. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«Selten zieht das Zuhören so in den Bann wie im Fall von „Feuersturm“ des kanadischen Autors David Paquet. Was geht hier vor sich? Kann man es denn wirklich glauben? Wie ein modernes böses Märchen, in dem sich in einer x-beliebigen Familie eine Verwünschung festgebissen hat, rollt das Hörspiel gewitzt und zügig die Verderben bringenden Verhältnisse dreier Generationen aus.

Schlimmste Dinge geschehen, ein Vater hat sich umgebracht, ein Kind löscht seine Familie aus, ein anderes Kind wird weggelegt (bzw. verschickt!). Und doch greift hier nicht die große Tragik Fuß – dafür bleibt gar keine Zeit –, sondern der Schalk einer leichthändigen, schwarzhumorigen Erzählung, der sich in knappen Dialogen weit über den fatalen Inhalt erhebt.

In drei Teilen entfaltet sich, dramaturgisch höchst raffiniert, ein mysteriöser Abstammungs- und Sippenhaftungsthriller, in dem wahrlich nichts Erwartbares passiert. Und dennoch sind es die ganz banalen Dinge, die es in sich haben: Kekse backen, ins Kino gehen, Haustiere halten. Es fällt kein Wort zu viel. Ein vokaler Purismus und eine heutzutage ungewöhnliche, aber wirkmächtige auditive Schlankheit – Dialoge, Selbstgespräche, Telefonate, Musik – würdigen zudem eine Sprache, die alles Abgegriffene ausspart und die den Ereignissen in präziser Schärfe folgt.

Ausgehend von den Drillingen Claudine, Claudie, Claudette und weiter über Clément und Carole bis hin zu Caroline und ihrer lebensgefährlichen Libido zieht sich eine unergründliche Spur der Vorbestimmung, die das Motiv der Unentrinnbarkeit auf vergnügliche Weise durchspielt. Trotz eines großen Erzählbogens über mehrere Generationen findet sich in diesem phantastischen Hörspiel Platz für aussagekräftige, intensive Momente einzelner Figuren, die man so schnell nicht wieder vergisst. Das alles zusammen ist ein Kunststück, wenn nicht ein Zauberwerk. Und ein überaus gelungenes Beispiel einer verdichteten Fabulierkunst.»

06.05.2021 – MK

Print-Ausgabe 14-15/2021

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