H.G. Adler/Hermann Langbein: Auschwitz – Topographie eines Vernichtungslagers. Feature aus dem Jahr 1961 (WDR 5)

Arbeiten am Auschwitz-Lernprozess

06.02.2015 •

Auschwitz ist und bleibt unfassbar. Unfassbar wie der Holocaust insgesamt, unfassbar wie der Gedanke an das Erleben einer nationalsozialistischen Gesellschaft als Normalität. Letzteres gilt zumindest für die von der „Gnade-der-späten-Geburt“-Begünstigten. Wer Auschwitz einfach als Taten der Bösen abtut, macht es sich in vielerlei Hinsicht zu leicht. Auch das Mahnen und Gedenken allein genügt nicht, wenn es denn darauf hinausläuft, eine monumentale Schrecklichkeit museal abzuhaken. Nein, Auschwitz angemessen zu würdigen, bedeutet, sich mit den Details zu beschäftigen und daraus zu lernen. Dieser Lernprozess ist längst nicht abgeschlossen und wird es vielleicht auch nie sein.

Dabei hat sich der Themenkomplex „Auschwitz“ mit der Zeit nicht reduziert, sondern erweitert. Endlich ist der Umgang mit dem Thema selbst wieder zum Thema geworden. Die Betrachtungen deutscher Verarbeitungsbemühungen aus heutiger Sicht bereichern das Spektrum um eine dritte Ebene, gut zu sehen in dem ZDF-Film „Das Zeugenhaus“ (vgl. FK 48/14) und in dem Kinofilm „Im Labyrinth des Schweigens“ (2014), um nur zwei Beispiele aus dem jüngeren Filmangebot zu nennen.

Für die Ebenen 2 (historische Aufarbeitungsbemühungen) und 3 (heutige Aufarbeitung dieser Bemühungen) spielen die Auschwitz-Prozesse eine zentrale Rolle. Erst 1963 kam der erste Prozess zustande, gegen den Wunsch eines großen Teils der Bevölkerung, der sich lieber mit dem Wirtschaftswunder als mit der ruhmlosen Vergangenheit auseinandersetzen wollte. Jenseits der Altnazis und SS-Kameradschaften berief sich dieser Teil gebetsmühlenartig mal auf Nichtwissen, mal auf damalige gesellschaftliche Normalität, mal auf Pflicht und Gehorsam, mal auf die ständige Bedrohung durch den NS-Staat – frei nach dem Motto: ‘Die anderen bildeten den Stau, ich geriet nur zufällig dort hinein.’

Dass der erste Gerichtsprozess überhaupt zustande kam, war maßgeblich dem Betreiben engagierter Individuen zu verdanken wie dem legendären Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer, der darob heftig angefeindet wurde: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, bin ich in Feindesland.“ Den Draht zu den überlebenden KZ-Häftlingen, die vor Gericht aussagen sollten, stellte vor allem Hermann Langbein her. Langbein, selbst ehemaliger Auschwitz-Gefangener, Mitbegründer des Internationalen Auschwitz-Komitees und mehrere Jahre lang dessen Generalsekretär, hatte bereits früh nach Kriegsende damit begonnen, Kontakte zu überlebenden Häftlingen zu knüpfen und deren Aussagen auf Tonband aufzuzeichnen. Schon 1961, also noch vor dem ersten deutschen Auschwitz-Prozess, wurde im WDR-Radio ein Feature von Hermann Langbein und H.G. Adler urgesendet, das einen Zusammenschnitt wesentlicher Tonprotokolle enthielt.

Dieses Feature mit dem Titel „Ausschiwtz Topographie eines Vernichtungslagers“ wurde nun anlässlich des ARD-Programmschwerpunkts zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz (27. Januar) bei WDR 5 wiedergesendet. Es ist ein beeindruckendes Dokument. Nur selten ist der Moderator zu hören. Langbein ist kein Fanatiker und weiß zu differenzieren: „Jedes Pauschalurteil ist ungerecht, auch über die SS.“ Die Zeugen, meist ehemalige Häftlinge, aber auch einige Täter, berichten in mehr oder minder gutem Deutsch erstaunlich flüssig von ihren Erlebnissen. Flüssig heißt nicht eilig, es gibt viele Redepausen, die den Interviewten wie den Hörern helfen, sich zu sammeln. Auf Musik, Geräusche und alles radiophone Beiwerk wird verzichtet. Deutsch war Lagersprache, Übersetzungen sind nicht erforderlich, Voice-over wurde ohnehin noch nicht praktiziert.

Bei der Wortwahl fällt auf, dass immer wieder von „Vernichtung“, nicht von „Ermordung“ die Rede ist. Offenbar geben sich die Opfer alle Mühe, auf jegliches Pathos zu verzichten, möglichst nüchtern zu erzählen und ihre Rührung zu unterdrücken, was meist funktioniert. Wo Letzteres in Ausnahmefällen kaum oder nicht gelingt, möchte man mitheulen. Durch die Ausführung von Details, durch Querverbindungen zwischen den Zeugenaussagen ergibt sich eine Art Dramaturgie, ähnlich der eines Puzzles, das immer mehr Gestalt annimmt. So vergehen knapp drei Stunden ebenso unaufgeregt wie aufwühlend, von Redepausen durchzogen, aber sehr konzentriert.

Jenseits aller Inhalte werden da Erinnerungen wach an eine Radioform, die kleine Pausen während der Sendung nicht gnadenlos wegschneidet. Die kurze Phase der Stille zulässt, ohne sie mit Musik oder Begleitlärm zu füllen. Die gänzlich auf Musikuntermalungen oder Überlappungen verzichtet. Die sich nicht in Drei-Minuten-Statements erschöpft. Die ohne Trailer und Hintergrundeinspielungen auskommt. Die nicht auf Schnelligkeit und Action aus ist und die den Hörer jenseits aller Formatradiogedanken fast drei Stunden lang fordert, ohne ihn zu überfordern. Man konnte einfach mal in Ruhe konzentriert zuhören.

Nicht nur Hermann Langbein war damals mit dem Tonband unterwegs. Auch große Teile des ersten Auschwitz-Prozesses wurden seinerzeit aufgenommen. Auf der Webseite www.auschwitz-prozess.de hat das Fritz-Bauer-Institut zahlreiche Tonbandmitschnitte nebst den Verschriftlichungen (als PDF) übersichtlich veröffentlicht. Wer seinen persönlichen Lernprozess bezüglich Auschwitz intensivieren möchte oder die Einlassungen der „Ich-habe-von-nichts-gewusst“-Täter erleben mag, kann dort beeindruckende Hördokumente finden.

06.02.2015 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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