Hermann Bohlen: Lebensabend in Übersee – Sha Ji Jing Hou (Ein Huhn schlachten, um die Affen einzuschüchtern) (WDR 3)

Ausgelagertes Altern

28.11.2014 •

Der 1963 in Celle geborene Berliner Hermann Bohlen zählt zu den produktivsten Hörspielautoren und -produzenten. Von seinen zirka 30 Stücken wurde im Jahr 2012 das Hörspiel „Alfred C. – Aus dem Leben eines Getreidehändlers“, eine originelle fiktive biografische Recherche, mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet (vgl. FK-Heft Nr. 46/12). Sein neues Hörspiel „Lebensabend in Übersee“ kennzeichnet ein erzähldramaturgisch tragfähiger Grundeinfall, der eine sozialkritische Utopie mit dystopischen Frakturen oder zumindest eine Groteske erwarten lässt, die mit den genretypischen Mitteln der Übertreibung die Realität und ihre tendenziellen sozialen Verwerfungen ex negativo darstellt.

Gemäß der Hypothese „Was wäre, wenn...“ entwickelt das Hörspiel ein abstruses „Gedankenexperiment“ (Anmoderation): Das Altern und das Sterben werden aus Deutschland ausgelagert. Die Regierung hat ein Gesetz zur Vermeidung von Altersarmut und zur Insolvenz der Pflegeversicherungssysteme erlassen. Demnach muss jeder Rentner, der nicht über ein Kapitalvermögen von mindestens 487.800 Euro verfügt oder eine Monatsrente unter 2800 Euro bezieht, Deutschland verlassen und den Lebensabend in einem Land mit niedrigem Lebensstandard und billiger Altenpflege verbringen.

70 Prozent der deutschen Rentner leben in der Geschichte bereits in der Fremde; anhand zweier Personen wird das zynische Modell „Ruhestand im Ausland“ vorgestellt. Die Alleinstehenden Annegret und Leopold, genannt Poldi, haben das Rentenalter erreicht und Kassensturz gemacht – mit dem deprimierenden Ergebnis, dass sie nicht die Voraussetzungen erfüllen, um in der Heimat alt werden und sterben zu dürfen. Die zwei Opfer einer extrem überalterten Gesellschaft packen die Koffer und emigrieren zwar nicht nach Übersee, wie es der Hörspieltitel nahelegt, aber Annegret hat sich eine Bleibe in einer „Seniorenresidenz“ im Südwesten Chinas gesichert und Poldi hat einen Platz in einem „Resort“ in Polen erhalten – hochstaplerische Euphemismen für Alten- und Pflegeheime, die dem Altern in Würde Hohn sprechen.

Annegret und Poldi sind in ihren neuen Lebensverhältnissen einsam und unglücklich. Erinnerungen und Sehnsüchte an das Vergangene und endgültig Verlorene stellen sich zwanghaft ein, ihre Identitätserfahrung, als frühere „Leistungsträger aussortiert worden zu sein“, ist fatal. Annegret nimmt Kontakt zu ihrem ehemaligen Schulkameraden Poldi auf, beide tauschen ihre Erinnerungen und aktuellen Befindlichkeiten aus („Wir skypen wie verrückt“). Sie erzählt über ihre ersten Chinesisch-Sprachlektionen, die dem Hörspiel den Untertitel gegeben haben: „Sha Ji Jing Hou (Ein Huhn schlachten, um die Affen einzuschüchtern)“. Poldi berichtet aus Polen über den Flug der Bienen, den er täglich beobachtet. Die Dialoge der beiden enthalten viel uninteressantes Geschwätz, Poldi kritisiert Gretchen, sie habe „lumpige Gedanken.“

Annegrets und Poldis Monologe und Dialoge bilden die erzähldramaturgische Basis der Montage mit Rundfunknachrichten und Verlautbarungen zu Gesetzesregelungen, mit Telefonaten und Gesprächsfetzen Dritter; die Details lassen sich nur peripher zu einer gedanklich logischen Summe des Modells „Regelung zur Vermeidung von Altersarmut“ bilanzieren. Die technische Realisation der Montage – 24 Takes mit 20 Sprecherrollen in rund 55 Minuten – ist tadellos, in den besten Sequenzen suggeriert das in Teilen improvisierte Sprechen O-Ton-Aufnahmen. Arrangiert wurde das Ganze vom Regie-Duo Hermann Bohlen und Judith Lorenz, die gemeinsam auch schon das preisgekrönte Stück „Alfred C. – Aus dem Leben eines Getreidehändlers“ inszeniert hatten.

• Text aus Heft Nr. 48/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.11.2014 – Norbert Schachtsiek-Freitag/FK

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