Hermann Bohlen: Hirsche rufen Jäger, Jäger Hirsche (WDR 1Live/WDR 3)

Mit viel Spaß am Blödeln

07.09.2001 • Eine Frau trifft im dunklen Wald auf einen etwas durchgeknallten Typen, der sich als Wilderer namens Georg entpuppt. Als gesprächig außerdem: Er führt die Dame und den Zuhörer in die Grundzüge des Waidwerks ein. Dabei spielen Lockrufe und nachgeahmte Tierstimmen eine besondere Rolle. Ein Kennzeichen des Wilderers ist es, dass er mit Vorliebe in fremde Jagdreviere eindringt. So hat Wilderer Georg immer wieder den Jäger K. mit Hirschrufen angelockt und dann, während jener noch stundenlang zurück röhrte und trötete, bei dessen Frau gefensterlt. Irgendwann hat der K. dann festgestellt, dass der Hirsch eigentlich Georg heißt, und ihn nach Kräften verprügelt. Nach seiner Genesung sägte Georg sämtliche Ansitze (Hochsitze) des K. an, woraufhin jener zu Tode stürzte.

Jetzt gibt’s einen neuen Jäger im Revier, mit einer neuen Frau, die dem Georg gerade gegenüber sitzt. Der Wilderer erzählt seine Geschichte mal im treuherzig-ehrlichen Stil eines kleinen Jungen, wirkt dann wieder bauernschlau und durchtrieben. Höhepunkt des Krimi-Vortrags ist die Konversation zwischen Jäger K. und Georg auf hirschianisch: „Er kapierte gar nichts. Auf alles, was aus dem Busch kam, trötete er einfach los.“ (rööhhhrtröööt) „Und wenn gar nichts aus dem Busch kam, trötete er auch los.“ (tröötrööhhhr).

Nach diesem ersten Teil (32 Minuten) folgte ein Mix aus Feature und Hörspiel (23 Minuten), der maßgeblich mit Material von der Messe „Jagd und Hund“ erstellt wurde: „Sie können sich darauf freuen, die wohl besten Hirschrufe Europas heute hier in Aktion zu sehen.“ Wieder werden Reales und Fiktives gemischt, werden echte Interviews eingeschnitten, tatsächliche und ausgedachte Kuriositäten zum besten gegeben, angereichert mit den unterschiedlichsten Hirsch-Rööhrs und -Trööts. Wilderer Georg gibt ein fiktives Interview und berichtet auf seine Weise Tatsächliches und Erfundenes von der Messe.

So mancher Radiomacher hat schon einen Sack voller O-Töne gesammelt und musste dann feststellen, dass es nicht reicht, die Töne einfach aneinanderzureihen. Da fehlt oft die Dramaturgie, der anfängliche Witz leiert schnell aus, was super-lustig sein sollte, wirkt später abgeschmackt und künstlich. Anders bei dieser Collage von Hermann Bohlen, dem hier mit schnitt-technisch großem Arbeitsaufwand ein äußerst kurzweiliges Stück Radio gelungen ist. Erst die dramaturgisch gut aufgebauten Dialoge, unterstützt von der Erzählkunst des Wilderers, bringen die gesammelten O‑Töne zur Wirkung.

Die Texte sind gespickt mit satirischen und realsatirischen Elementen, Kalauern, Wortwitz und Nonsens, Jagdmusik, Tönen und Geräuschen. Autor Hermann Bohlen selbst spricht den Wilderer Georg auf eine trockene Art, die ein bisschen an Rüdiger Hoffmann erinnert. Die Beschreibungen der Jäger, ihrer Rituale und Gewohnheiten hören sich stilistisch an wie irgendwo zwischen Sielmann und Grzimek – nur, dass hier keine Tierart, sondern die Spezies der Jäger unter die Lupe genommen wird. Beste Unterhaltung, intelligent gemacht und mit hörbar viel Spaß am Blödeln realisiert. Jägerlatein der anderen Art.

Eines geben die Beiträge allerdings mit Sicherheit nicht her: unvoreingenommene Informationen über die Jägerzunft und ihre hirschlockenden Bemühungen. Bleibt zu hoffen, dass die Grünröcke mehr Humor beweisen, als allgemein angenommen wird. Vielleicht sollte der Autor in nächster Zeit den Wald lieber meiden...

• Text aus Heft Nr. 36/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

07.09.2001 – Andreas Matzdorf/FK

Print-Ausgabe 12/2018

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