Zonser Regionalhörspieltage 2019: Radikale Abweichungen, herausfordernde Experimente

20.06.2019 •

Es war nicht das erste Mal, dass in Zons darüber diskutiert wurde, ob herkömmlich Dialektsprachliches neben einer lokalen oder regionalen Thematik das entscheidende Kriterium sei für den Zonser Regionalhörspiel-Wettbewerb. Es gab schon früher Gespräche etwa über einen kölschen Immigranten-Jugendjargon. Nun brachte bei den diesjährigen Regionalhörspieltagen im niederrheinischen Zons der Westdeutsche Rundfunk (WDR) einen herausfordernden Wettbewerbsbeitrag ein. Es handelte sich um das Stück „Die Feuerbringer – Eine Schlager-Operetta“ (vgl. MK-Kritik), das der WDR als federführender Sender gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) produziert hatte. In dem rund 55-minütigen Hörspiel von Tomer Gardi („Broken German“) geht es darum, dass eine Gruppe von Einwanderer-Abkömmlingen alte deutsche Schlager kennenlernt, sie sprechen dabei in gebrochenem Deutsch. Programmlich begründet wurde die Produktion eines solchen Stücks mit der steigenden Bedeutung unter anderem von „Soziolekten“ (aufgrund des sozialen Status junger Leute) bzw. mit „Ethnolekten“ von Immigranten.

Das Impulsreferat zu den diesjährigen Zonser Regionalhörspieltagen hielt Matthias C. Hänselmann von der Universität Münster. Er sprach über „Hörspieltheorie im universitären Kontext“ und damit über Beziehungen von alten und neueren Rundfunktheorien zur medialen Tätigkeitswelt heutiger Studenten. Hörspiel heute sei Begleitmedium, „überkontextuelles Medium“ zudem, stellte er fest, und es könne via Smartphone praktisch überall und immer gehört werden. Seine für die Zonser Fachtagung bedeutsamste Feststellung: Jeder dritte Podcast heutzutage hat fiktionale Inhalte, tangiert somit mehr oder weniger Fragen der Hörspieltheorie. Es bedeutet, dass mehr Hörspiel im Internet gehört wird als vermutet.

Chemnitz und Karl Marx

Mit insgesamt elf Einreichungen zum Regionalhörspiel-Wettbewerb hatten die vom 8. bis 10. Mai im Internationalen Mundartarchiv „Ludwig Soumagne“ (IMA) des Rhein-Kreises Neuss stattfindenden Zonser Hörspieltage 2019 eine erfreulich hohe Beteiligung. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hatte das Stück „Karl Marx statt Chemnitz“ von Thilo Reffert eingereicht (vgl. MK-Meldung). Der Autor hat hier ein lokalpolitisch virulentes Chemnitzer Thema in ein Wortspiel und in eine fiktive Studiodiskussion gepackt. Es geht um das fiktive Ausstrahlungsverbot einer Radioserie zur Frage, ob Chemnitz Chemnitz bleiben solle oder wieder Karl-Marx-Stadt werden, nachdem der Trierer Denker als sozialphilosophisch anerkannte Größe verblieben ist. Gesächselt wird in dem Hörspiel allerdings wenig, doch es ist ein dramaturgisch intelligent gemachtes Stück.

Eine Grenzüberschreitung in die Schweiz leistete sich der Bayerische Rundfunk mit dem Hörspiel „Simeliberg“ von Michael Fehr (koproduzierender Sender war Radio Bremen). Das Stück handelt von der Verhaftung eines Hof- und Grundbesitzers im Gebirge und von dessen Haltung zu einer militaristischen Gruppe. Der Schweizer Autor spricht die mundartlich gefärbten Überleitungstexte in eindrucksvoll gemächlicher Langsamkeit selbst. Über diese Produktion wurde kontrovers diskutiert.

„Idylle“ hieß die Einreichung von Deutschlandfunk Kultur. In dem von Josef Maria Schäfers stammenden Hörspiel (Koproduzent: WDR) wird zur Zeit des deutschen Terrorherbstes 1977 die Stimmung in einem sauerländischen Dorf aus der Sicht von kleinen Jungen beschrieben: Die großen mobben den Bürgermeister, das führt zum Selbstmord seiner Familie. Mundartlich hatte das Stück wenig Tiefe, insgesamt war es die ungeschminkte Schilderung einer dörflichen Situation von damals.

Ein eindrucksvoller Kretschmann‑Imitator

Der Südwestrundfunk (SWR) war unter anderem mit der Produktion „Väterchen und der Wolf“ in Zons dabei, einer dialektmächtigen ‘Hörspielsatire’ von Manfred Zach. Eine nächtliche Klausurtagung des baden-württembergischen Landeskabinetts im Wald ist zu hören, die von den Mundarten der Kabinettsmitglieder bestimmt wird. Besonders eindrucksvoll war hier Dominik Kuhn als Imitator von Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu erleben. Das vom Studio Tübingen verantwortete Stück wurde am 5. Mai im Programm SWR 4 Baden-Württemberg ausgestrahlt (vgl. MK-Kritik).

Ungewöhnlich der Beitrag des schweizerischen Programms SRF 2: „Schlaf ich auf Sand“ von Rolf Hermann und Wolfram Höll. Das Stück erzählt eine Liebesgeschichte in Liebesgedichten. Der Hörspielregisseur Wolfram Höll hat Gedichte des Schweizer Lyrikers Rolf Hermann zu einem Hörstück collagiert und dabei wird Sprachklang abwechselnd in Hochdeutsch und in Wallser Mundart zelebriert. Das Hörspiel ist in seiner verrätselten Ästhetik ein Verweis auf Poesie als Konzept, das im hochdeutschen Kulturprogramm SRF 2 Sprachsendungen in kantonalen Mundarten ermöglicht.

Eine durchaus eigenartige Produktion brachte das Landesstudio Tirol des Österreichischen Rundfunks (ORF) diesmal nach Zons: „Märzengrund“ von Hörspielaltmeister Felix Mitterer, ein mit Musik unterlegtes Monolog- und Dialogspiel um den Außenseiter Elias, einen Hoferben aus dem Zillertal. Der zieht sich, anstatt das Erbe anzutreten, auf die Höhe in den „Märzengrund“ zurück und lebt dort ein naturverbundenes Einsiedlerleben. Den Elias gab es tatsächlich. Heinz Tiepotsch, der im Hörspiel den älter gewordenen Elias spricht, hat ihn gekannt. Das Studio Tirol ist das letzte ORF-Landesstudio, das noch Mundarthörspiele herstellt, wenigstens solange Studioleiter und Regisseur Martin Sailer dort noch im Dienst ist.

Hauptpreis geht nach Österreich

In Milieu- das SRF-1-Hörspiel „S Geburtsverhör“ von Ursula Werdenberg nach einer Erzählung von Linda Stibler. Hier geht es um eine Schwangerschaft und die Frage, wer der Vater ist. Die Schwangere wird vor Gericht verhört, weil sie, vom Vater ihres Liebhabers als „nicht standesgemäß“ abgelehnt, Selbstanzeige erstattete. Das Stück repetiert eine authentische Gerichtsverhandlung aus dem frühen 19. Jahrhundert, die Amtsleute sprechen dabei Basel-Stadt-Mundart, die übrigen Protagonisten reden im Basel-Land-Dialekt.

Radio Bremen hatte für den Zonser Wettbewerb das Stück „Mittagsstunde“ eingereicht, die Hörspielversion des gleichnamigen Romans von Dörte Hansen, und man konnte sie als den literarischsten Wettbewerbsbeitrag bezeichnen. Die Funkbearbeitung (Koproduzent: NDR) hatte Regisseur Wolfgang Seesko besorgt. Die Tochter des Dorfwirts, so die Geschichte, wird geschwängert, versucht vergeblich, das Kind abzutreiben, und kümmert sich, als es schließlich auf die Welt kommt, nicht um das Baby. Die Protagonisten sprechen teilweise in Plattdeutsch. Es ist ein tontechnisch und regiemäßig exzellent gestaltetes Milieustück geworden. Schon 2016 war Radio Bremen mit einem Dörte-Hansen-Stück im Zonser Wettbewerb, „Altes Land“, und hatte damit den Hauptpreis gewonnen (vgl. MK-Artikel).

Der SWR war in Zons in diesem Jahr außerdem mit dem Stück „Fleischfabrik“ von Christian Hussel vertreten, einem Horrorkrimi um ein Fleischvermarktungsunternehmen, in dem die unterbezahlten Arbeiter in einer Art Zombie-Reaktion anderen Menschen an die Halsschlagader gehen. Das sozialkritische Stück spielt im Schwäbisch-Hohenlohischen, dessen Mundart aber nur der ermittelnde Kommissar spricht. „Fleischfabrik“, produziert vom Landesstudio Freiburg, wurde am 26. April 2019 ebenfalls bei SWR 4 Baden-Württemberg ausgestrahlt (vgl. MK-Kritik).

Konsequent „gesprochene Sprache“ 

Insgesamt war das für den Wettbewerb 2019 eingereichte Kontingent ein ergiebiger Jahrgang. Zumindest fünf der elf Einreichungen schienen vorab preiswürdig. Die Jury entschied sich, den ersten Preis an das ORF-Stück „Märzengrund“ zu vergeben. Der zweite Preis ging an „Idylle“ (Deutschlandfunk Kultur/WDR), der dritte Preis an „S Geburtsverhör“ (SRF). Der erste Preis ist mit 2500 Euro dotiert, die beiden anderen Auszeichnungen sind undotiert.

Der mit 2000 Euro dotierte „Zonser Darstellerpreises“ wurde in diesem Jahr an den Schauspieler Jörg Schüttauf verliehen. Er erhielt die Auszeichnung für seine Darstellung des Protagonisten Lothar in der MDR-Produktion „Manitu“, das im vorigen Jahr in Zons als bestes Regionalhörspiel ausgezeichnet worden war (vgl. MK-Artikel). Autor des Stücks „Manitu“ war Holger Böhme, Regie führte Gabriele Bigott. Bei der Preisverleihungsfeier gab es dann Gelegenheit, Jörg Schüttauf – der auch in dem diesjährigen MDR-Wettbewerbsstück „Karl Marx statt Chemnitz“ mitspielte – live mit einer fabelhaften Rezitation zu hören.

Der Zonser Regionalhörspiel-Wettbewerb ist offen für Experimente und gegenüber entsprechenden Herausforderungen aufgeschlossen. Bei den Hörspieltagen 2017 hatte die Fachgruppe die Rundfunkanstalten explizit dazu ermuntert, Experimente zu ermöglichen. In diesem Jahr akzeptierte die Fachgruppe auf Vorschlag von Tagungsleiterin Eva Schmitt-Roth, dass auch Produktionen wie „Die Feuerbringer“, deren Texte vom Charakter einer gewachsenen deutschen Mundart radikal abweichen, künftig als Wettbewerbsbeiträge angenommen werden. Und zwar dann, wenn sie sich, wie gefordert wird, konsequent mit „gesprochener Sprache“ befassen.

20.06.2019 – Waldemar Schmid/MK

Print-Ausgabe 19/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren