Helgard Haug/Thilo Guschas: WIR – HIER. Ein Hörspiel in vier Teilen (WDR 3)

Rituale, Zeremonien, Konventionen

06.11.2020 •

Rituale sind bei der Bewältigung des Alltags wie auch bei der Selbstverständigung großer Gruppen und Organisationen extrem hilfreich. Rituale fallen nicht vom Himmel, sondern sind Erfindungen und kulturelle Konventionen, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit befolgt werden. Dass man ein Ritual vermisst, kommt aber eher selten vor.

Helgard Haug (von der Künstlergruppe Rimini Protokoll) und Thilo Guschas haben sich anlässlich des 30. Jahrestags der Wiedervereinigung für den WDR-Hörfunk auf die Suche gemacht nach einem Ritual für den deutschen Nationalfeiertag am 3. Oktober, den Tag der Deutschen Einheit. Die Psychologin Ronja Büchner, als erstes gesamtdeutsches Baby am 3. Oktober 1990 in der Uni-Frauenklinik in Leipzig geboren, und der Historiker Jan Plamper, geboren 1970 im baden-württembergischen Laichlingen, machen sich über zu erfindende Rituale Gedanken und haben deshalb Mails an diplomatische Vertretungen von 194 Staaten geschrieben, um herauszufinden, wie die ihre jeweiligen Nationalfeiertage begehen.

Gleich zu Beginn des recht featurehaften Hörspiels „WIR – HIER“, das vom 28. September bis zum 1. Oktober als Vierteiler konfektioniert auf dem halbstündigen Hörspielsendeplatz im linearen Programm auf WDR 3 lief, auf der Website des Senders aber als Zweiteiler eingestellt ist, wird die gewaltförmige Inszenierung der nationalen Größe am Beispiel einer gigantischen Militärparade der Volksrepublik China geschildert: Am 1. Oktober 2019 feierte die ihren 70. Geburtstag mit Interkontinentalraketen, Hubschraubern und 15.000 Soldaten, aus deren Gesichtern „jeder persönliche Ausdruck eliminiert“ wurde. Es sollte, wie bei jeder Parade, aus Tausenden Menschen eine homogene Einheit gebildet werden. Jan Plamper der sich auch als Emotions- und Sinneshistoriker bezeichnet, kommentiert, dass es von den Körpern her immer auch Rückkopplungseffekte auf das „Mind“ gebe.

Wenn Deutschland sich feiert, fühlt sich das für den ecuadorianischen Botschafter an, wie er im O-Ton sagt, „wie eine Penitencia“ (Buße) – „wie Sie sehen, ich bin kein Diplomat“, ergänzt er lachend. Dass es bei Nationalfeiertagen nicht immer um nationalistische Abgrenzungen geht, berichtet Thomas Bellew, Head of Public Diplomacy, Press and Bilateral Relations der Irischen Botschaft in Berlin. Am irischen Nationalfeiertag nämlich wird nicht nur ganz Irland beflaggt, sondern es werden auch das Empire State Building in New York, die Cheops-Pyramide in Ägypten und die Christus-Statue in Rio de Janeiro irisch-grün illuminiert. Irland war halt schon immer ein Auswanderungsland und deshalb feiern sich die Iren überall auf der Welt, vom Sky Tower in Neuseeland bis zum „Moulin Rouge“ in Paris.

Die Funktion der Rituale und Zeremonien zum Nationalfeiertag ist nicht nur die Selbstversicherung und -inszenierung der eigenen Stärke, sondern auch die Reproduktion von Identitäten, um das Individuelle zugunsten des Homogenen zu eliminieren. Man erfährt einiges aus den Gesprächen, die die Büchner und Plamper mit den diplomatischen Vertretern aus Estland, Finnland, Pakistan, Ecuador, Irland, Kanada, Dänemark, Israel, Neuseeland, Indonesien, dem Kosovo, von den Philippinen und den Seychellen geführt haben. Auch eine Vertreterin der Palästinenser, die weiterhin noch auf einen Staat warten, kommt vor. Neben den institutionellen Akteuren erzählt der in der slowakischen Hauptstadt Bratislava lebende Ex-US-Amerikaner Mike Gogulski von der freiwilligen Aufgabe seiner Staatsbürgerschaft. Der Deutsche Christoph Heuermann, der sich einem globalen Lifestyle verschrieben hat, lehnt das „Konzept Staat“ ganz ab und gibt auf seiner Website „staatenlos.ch“ den Privilegierten dieser Welt Tipps für ein steuerfreies Leben.

Der Historiker Jan Plamper – Bruder des Hörspielmachers Paul Plamper und ihm stimmlich zum Verwechseln ähnlich – ist Autor des Buchs „Das neue Wir“, in dem er ein performatives Identitätskonzept vertritt, das sich je nach Lebensumständen und Handlungen ändert: „Wir leben eine Geschlechtsidentität, eine regionale, eine lokale, eine nationale, eine übernationale und so weiter und so fort, und changieren im Laufe eines Tages Hunderte von Malen und ohne Schwierigkeiten zu empfinden. Und die Zugehörigkeit zur Staatsbürger-Nation ist eine von diesen vielen Identitäten, die wir leben. Ob es uns gefällt oder nicht.“

Die Grundeinstellung des Menschseins ist für Jan Plamper die Mobilität bzw. die Migration. Die Perioden der Sesshaftigkeit in Form von Nationen seien eine historisch relativ junge Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts. Unter Bedingungen der Globalisierung lässt sich die Abwendung vom Nationalen ebenso beobachten wie eine starke Gegenbewegung der Re-Nationalisierung, beispielsweise den Brexit. In Großbritannien wird übrigens der Geburtstag der Monarchin oder des Monarchen als Nationalfeiertag begangen, weil König oder Königin die Verkörperung des Geistes der Nation sind.

Wer nun „WIR – HIER“ in Deutschland sind, erfährt man in dem Hörspiel von Helgard Haug und Thilo Guschas (Komposition: Frank Böhle) nebenbei auch noch. „Hier“ ist das Land, in dem „wir“ kurz nach der Geburtsurkunde eine Steuernummer bekommen und wo man aus bekannten historischen Gründen dem Nationalpathos eher skeptisch gegenübersteht. Auf ein Ritual bzw. eine Konvention des modernen Hörspiels haben die beiden Autoren nicht verzichtet, nämlich die, das Gehörte als Gemachtes auszustellen. Dazu wird das im Probenprozess übliche Ausprobieren verschiedener Betonungen und Sprechhaltungen nicht weggeschnitten, sondern in das Stück eingebaut. Wir lernen: Ritualisierte Verfahrensweisen sind das Gegenteil von originell – und manchmal herzlich überflüssig, wenn man so viel weitaus Interessanteres zu erzählen hat.

06.11.2020 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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