Heinz Sommer: Tonio Kröger. 3‑teiliges Hörspiel nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann (HR 2 Kultur)

Tonio Kröger 1903 / 1954

22.05.2017 •

Thomas Mann hat seine 1903 veröffentlichte Erzählung „Tonio Kröger“, die auch als Novelle bezeichnet wird, obwohl sie nicht der Gattungspoetologie der klassischen Novelle entspricht, sehr hoch eingeschätzt. In seinem „Lebensabriß“ hat er geschrieben, diese „kleine Dichtung steht noch heute vielleicht meinem Herzen am nächsten“, sie habe „vor dem ihr nächstverwandten ‘Tod in Venedig’ den Schmelz jugendlicher Lyrik voraus“. Die erzählte Handlung ist bis in Detail autobiografisch basiert, auch die lebenslang währenden Reflexionen zur Künstlerexistenz und dem Antagonismus von Kunst und Leben werden bereits in diesem Frühwerk in langen Gesprächen zwischen dem Protagonisten und seiner Freundin, der russischen Malerin Lisaweta Iwanowna, kontrovers diskutiert.

Thomas Mann hat seine Erzählung in drei Episoden gegliedert. Die erste ist in Lübeck lokalisiert, neben Topografischem und Familiären gewinnt die Beziehung, ja, eingestandene Liebe zum Schulfreund Hans Hansen und der lebensfrohen blonden Inge Holm immer mehr Intensität, aber weil Tonio seine Gefühle nicht offenbaren kann, bleibt er der fern Liebende. In der zweiten Episode ist Tonio gut 30 Jahre alt, er lebt als anerkannter Schriftsteller in München. In Gesprächen mit der Iwanowna und seinem Künstler-Antipoden, dem „Caféhausliteraten“ Adalbert, versucht er seine Identität als Künstler im Gegensatz zur Profanität des Alltags intellektuell zu verorten.

Die dritte Episode erzählt die Rückkehr Tonios, die auch Symptome einer Flucht enthält, in die Heimat und an die Ostsee. In Lübeck macht er Station, er kehrt an Orte seiner Kindheit zurück und besucht sein Elternhaus, in das jetzt die Volksbibliothek eingezogen ist. Über Kopenhagen erreicht Tonio seinen Zielort, das Seebad Aalsgaard, wo er „ins Leben zurückzukehren“ hofft und mit anderen Reisenden die „Wonnen der Gewöhnlichkeit“ distanziert erlebt. Auf einem Tanzfest im Hotel überfällt ihn eine Vision aus dem Unbewussten: Er sieht Hans und Inge als Paar tanzen, er kapituliert vor dem Bild des glücklichen Paares, beide haben das bürgerliche Leben bereits in der Jugend ohne intellektuelle Irritationen genossen.

Heinz Sommer, Hörfunkprogrammdirektor des Hessischen Rundfunks (HR), hat sich als Hörspielbearbeiter literarischer Vorlagen (zuletzt Hermann Hesses „Siddhartha“, vgl. MK 14/16) einiges Renommee erworben, für das „Tonio-Kröger“-Hörspiel beansprucht er die Autorschaft (das heißt, er ist auf dem Sendungsbeiblatt des HR als Autor angegeben). Sommer hält sich, von notwendigen Textreduktionen und wenigen Textumstellungen abgesehen, weitgehend an die linear-episodische Erzähldramaturgie Thomas Manns.

Doch Heinz Sommer hat dem Original auch Substantielles hinzugefügt, das aus der Prosa ein genuines Hörspiel entwickelt. Dazu zählt zuallererst die Etablierung einer weiteren Zeitebene: 1954. In diesem Jahr hat Thomas Mann in einem Schweizer Grandhotel kurz vor seinem Tod für Tonaufnahmen des damaligen NWDR „Tonio Kröger“ vorgelesen und dieses Tondokument bildet in Stückelungen die Basis des Hörspiels – es lässt sich wohl kein besserer Vortragender eigener Texte als Thomas Mann vorstellen. Das „raunende Imperfekt des Erzählers“ (Thomas Mann) wurde von Heinz Sommer ins Präsens und in Dialoge (davon enthält die Vorlage bereits eine große Zahl) übersetzt, im letzten Teil hat Sommer die Prosa in Tonios Briefe an die Iwanowna transponiert.

Der Hörspielautor hat in das als Dreiteiler ausgestrahlte Stück (Gesamtlänge: zwei Stunden) weitere Nebenfiguren eingeführt und aus dem zuhörenden Publikum bei der Mannschen Lesung eine Frau herausgehoben: Inge Holm, jetzt eine ältere Frau Ingeborg Lüdersen, Ärztin im Ruhestand und Witwe. Sie kennt den autobiografischen Hintergrund der Erzählung: die Lübecker Gesellschaft, Hans Hansen und den jungen Kröger. Sie vergleicht die Fiktion der Erzählung mit der erinnerten Wirklichkeit, sie registriert einige Fehler in der Darstellung und sie sieht sich auch nicht ‘authentisch’ porträtiert. Sie erinnert sich auch an „Tommys“ ausgeprägte Egomanie und Arroganz, sie benennt auch seine Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen. Bei aller Wertschätzung des Literaturnobelpreisträgers – dazu zählt auch dessen Rolle im Exil –, hält Lüdersen mit ihren zwiespältigen Gefühlen nicht hinter dem Berg. Leider hat Sommer es sich versagt, Thomas Mann und Ingeborg Lüdersen in einer Begegnung zusammenzubringen, er lässt den Hoteldirektor nach der Lesung mitteilen, Thomas Mann diniere mit seiner Tochter Erika in seinem Hotelzimmer.

Regisseur Leonhard Koppelmann hat die Szenen in örtlich schnell identifizierbaren, atmosphärisch stimmigen Kulissen gestaltet, Henrik Albrecht, der renommierte Komponist (nicht nur von Hörspielmusiken), hat nicht nur Musikzitate montiert, sondern auch eine eigene „Tonio-Kröger-Suite“ komponiert. Aus dem großen, gut besetzten Sprecher-Ensemble seien Senta Berger als sehr einfühlsame Sprecherin der Lüdersen, Sabin Tambrea als dezent artikulierender Kröger und Jördis Triebel als die Iwanowna genannt. Und auch die Nebenrollen sind zum Beispiel mit Nicole Heesters, Axel Milberg, Udo Wachtveitl, Ueli Jäggi und Gerd Wameling hochkarätig besetzt.

Im Hörverlag (München) ist das „Tonio-Kröger“-Hörspiel des HR zugleich auch als Audiobuch auf 4 CDs erschienen (plus einer Extra-CD mit der Hörspielmusik). Als Autor ist bei diesem Audiobuch auf dem Cover in der ersten Zeile und der größten Schrift Thomas Mann angegeben. In der zweiten Zeile steht der Titel „Toni Kröger“ und in der dritten Zeile ist dann in kleinerer Schrift zu lesen: „Hörspielbearbeitung: Heinz Sommer“.

22.05.2017 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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