Heiner Goebbels: „Gegenwärtig lebe ich allein...“ Hörstück in 9 Bildern mit Texten von Henri Michaux (SWR 2/Deutschlandfunk Kultur)

Der Horizont, der zurückweicht oder: Linie begegnet Linie

10.02.2021 •

Hörstücke in neun Bildern zu denken, ist eine Konstante im Werk von Heiner Goebbels. Schon das Stück, mit dem er 1985 seinen Durchbruch feierte und mit dem er der Gattung Hörspiel neue Impulse gab, „Die Befreiung des Prometheus“ nach einem Text von Heiner Müller, war als „Hörstück in 9 Bildern“ untertitelt. Sein neues Hörstück „Gegenwärtig lebe ich allein…“ mit Texten von Henri Michaux ist ebenfalls in neun Bilder unterteilt. Im Titel des Stücks zitiert Heiner Goebbels einen Satz von Michaux.

Was der Begriff „Bild“ im Hörspielkontext bedeutet, ist erklärungsbedürftig. Nicht nur weil der Textlieferant, der belgisch-französische Schriftsteller und Weltreisende Henri Michaux (1899-1984) auch Maler war, sondern auch weil Heiner Goebbels sich nach seiner Beschäftigung mit dem Hörspiel inszenatorisch wie kompositorisch dem Musiktheater zugewandt hat. „Die ‘visuelle Bühne’ – das, was man zu sehen bekommt, – unterscheidet sich in meinen Stücken immer von der ‘akustischen Bühne’. Dazwischen klafft sogar eine große und, wie ich hoffe, für die Zuschauer inspirierende Lücke“, sagt Heiner Goebbels in einem Interview mit seinem Dramaturgen Manfred Hess vom Südwestrundfunk (SWR), der federführend bei dieser Koproduktion mit Deutschlandfunk Kultur war. Weil man aber nur hört, was man weiß, ist der optische Assoziationsraum schon bestimmt, bevor man einen Ton des Hörspiels gehört hat – nämlich durch die Gouachen, Aquarelle oder die oft mit variierenden Mustern strukturierten Tuschemalereien von Henri Michaux.

Ein weiterer literarischer Assoziationshorizont ergibt sich daraus, dass Texte von Michaux schon in Heiner Goebbels’ Oper und Hörstück „Landschaft mit entfernten Verwandten/Paysage avec parents éloignés“ aus dem Jahr 2006 vorkommen (SWR 2; vgl. FK-Heft Nr. 19/06), dem letzten Radiostück von Heiner Goebbels vor dem aktuellen. In der damals zum Hörspiel des Monats April gewählten Produktion hat David Bennent eine tragende Rolle gespielt und damit ergibt sich ein stimmlicher Erinnerungshorizont. David Bennent sprach schon 1987/88 in der performativen Installation „MAeLSTROMSÜDPOL“ von Erich Wonder die Texte von Heiner Müller. 1992 wurde diese Installation – die auf der Documenta 8, der Ars Electronica und in Berlin gezeigt worden war – in einer Hörspielfassung realisiert (ausgestrahlt im gemeinsamen Programm S2 Kultur der damaligen Sender SDR und SWF; vgl. FK-Kritik) und zum Hörspiel des Monats Februar gewählt.

Sägte in „MAeLSTROMSÜDPOL“ noch die Stromgitarre von René Lussier durch die Texte, während Peter Brötzmann mit dem Saxophon dazwischen quiekte, so ist es im Hörspiel „Gegenwärtig lebe ich allein…“ nur das manchmal metallische Sirren der Saiten des von Goebbels gespielten präparierten Klaviers, das mit der Stimme von David Bennent und den Texten und Bildern von Henri Michaux interagiert. Die Aufnahmen wurden dann auf granularer Ebene elektronisch bearbeitet, „bis man es selbst kaum mehr wiedererkennt“, wie Heiner Goebbels in dem Interview mit Manfred Hess verraten hat. Ein Verfahren der „Selbstüberlistung“, wie es der Kunsthistoriker Werner Spies auch den Werken von Henri Michaux attestiert hat.

Worum geht es also in dem 48-minütigen Stück „Gegenwärtig lebe ich allein“, das nicht durch die Linearität von Schrift und zeitlichem Ablauf bestimmt ist, sondern das man in „freier Zirkulation der Wahrnehmungsrichtung“ (Goebbels) wie die Bilder einer Ausstellung betrachten soll?

Zunächst nimmt man die Materialität der Stimme David Bennents wahr, der eine gewisse Zerbrechlichkeit innewohnt („There is a crack in everything…“). Der Stimme ist nach Heiner Goebbels „die Neutralität eines Instruments nicht vergönnt“. Sie sei „ein persönliches Ausdrucksmittel individuellen Sprechens – immer gerichtet und auf Mittelung aus“. Insofern ist die Sprache von Henri Michaux nicht nur akustisches und musikalisches, sondern auch verständliches Textmaterial – im Deutschen wie im Französischen; zwischen diesen beiden Sprachen wechselt Bennent souverän hin und her.

Die „Nacht“ als zweites der neun Bilder des Hörstücks erscheint als kubischer Raum, in dem das lyrische Ich einen „Krieg gegen die Deckengewölbe“ führt. Im dritten Bild „Ich reise nicht mehr“ wird der so entgrenzte Raum mit Vorstellungsbildern von Bergen und Vulkanen besetzt. Das vierte Bild beschreibt die zeitliche Wahrnehmung eines Moments. Im fünften Bild beklagt das lyrische Ich, dass es selbst mit seiner „Menschenschleuder“ schwierig sei, die Menschen weit genug auf Distanz zu halten: „Man schleudert sie niemals weit genug. Vierzig Jahre danach kommen sie manchmal zurück, wenn man endlich Ruhe zu haben glaubte.“

Die Apotheose des Stücks findet sich im Crescendo des achten Bildes, einer sich geradezu aggressiv steigernden Aufzählung: „Und es ist immer der Stich mit der Lanze / der Wespenschwarm, der dem Auge den Aussatz verursacht / Und es ist immer die offene Flanke / Und es ist immer der lebendig Begrabene“ – der was?, so fragt man sich im weiteren Verlauf zunehmend drängender, um schließlich die Antwort zu bekommen: Es ist „der Horizont, der zurückweicht / l’horizon qui recule.“ Und da sage man noch, nur im Deutschen komme das Verb erst im zweiten Band.

Im neunten Bild schließlich verrät Heiner Goebbels das Konstruktionsprinzip seines Hörspiels, wenn David Bennent die Sätze spricht: „Linie begegnet Linie, Linie weicht Linie aus. […] Eine Linie nur aus Vergnügen, Linie zu sein, als Linie zu laufen. […] Eine gewundene Linienmelodie durchquert zwanzig Linienschichten.“ Das Gestische in der Malerei von Henri Michaux hat so in Heiner Goebbels’ Hörstück seine Entsprechung im Akustischen gefunden. Dass Linien keine Geraden sein müssen, sich verknäulen und in den Strichstärken variieren können, dass sie die Strukturen bilden können, die an Gesichter erinnern – all das kann man in diesem Hörstück wahrnehmen, auch wenn einem der malerische Assoziationshorizont völlig unbekannt ist. Hoffentlich muss man nach diesem expressiven Ausflug in die Bildwelten von Henri Michaux nicht wieder fünfzehn Jahre auf ein neues Hörstück von Heiner Goebbels warten.

10.02.2021 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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