Heftige öffentliche Kritik an Plänen zur Reform des Hörfunkprogramms WDR 3

02.03.2012 •

Die geplante Reform des Hörfunkprogramms WDR 3 (vgl. FK-Heft Nr. 6/12) ist auf heftige öffentliche Kritik gestoßen. 70 prominente Unterzeichner aus den Bereichen Journalismus, Wissenschaft und Kultur haben in einem Offenen Brief an WDR-Intendantin Monika Piel davor gewarnt, bei WDR 3 am Wortprogramm zu sparen. Aktuelle Pläne für eine WDR-3-Reform sehen vor, das werktags viermal ausgestrahlte achtminütige Nachrichten-„Journal“ ebenso zu streichen wie exklusive Beiträge für das Magazin „Resonanzen“ (montags bis freitags, 18.08 bis 20.00 Uhr), die Sendereihe „Musikpassagen“ (samstags, 13.04 bis 15.00 Uhr), das Musik- und Literaturfeature (sonntags, 15.05 bis 16.00 Uhr) und das Auslandsmagazin „Resonanzen weltweit“ (sonntags, 18.05 bis 19.00 Uhr). 

Zu den Unterzeichnern des Offenen Briefs, den die „Initiative für Kultur im Rundfunk“, wie sie in einer Presseerklärung formulierte, als „eine Art Hilferuf gegen die zunehmende Verarmung, Verflachung und Verdummung der öffentlich-rechtlichen (Kultur-)Programme“ am 24. Februar Monika Piel übergab, gehören unter anderem Günter Wallraff, Walter van Rossum, Matthias Greffrath, Richard David Precht, Wilfried Schmickler, Wolfgang Lieb, Rupert Neudeck, Elke Heidenreich, Heinrich Pachl, Christoph Butterwegge und Gert von Paczensky.

„Die Radioretter“

In dem Offenen Brief der Initiative, die sich auch „Die Radioretter“ nennt, wird darauf hingewiesen, dass bei WDR 3 in den vergangenen Jahren – Reformen erfolgten zuletzt 2001, 2004 und 2008 – bereits eine Reihe von Sendungen Kürzungen zum Opfer gefallen seien: „Gestrichen, gekürzt, abgebaut oder ausgelagert wurden das politische Feuilleton des ‘Kritischen Tagebuchs’, die literarischen Lesungen, Rezensionen, Originaltonmitschnitte in ‘Dokumente und Debatten’, Gesprächssendungen wie ‘Zeitfragen/Streitfragen’ oder ‘Funkhausgespräche’ sowie Features und Hörspiele“, heißt es in dem Schreiben an die WDR-Intendantin. Eindringlich bitten die Unterzeichner des Offenen Briefs darum, WDR 3 solle wieder „mehr Dokumentationen und Kulturproduktionen zu günstigeren Sendezeiten präsentieren – und dafür werben“.

Auf der Internetseite www.die-radioretter.de, die seit dem 25. Februar existiert, haben sich inzwischen weitere WDR-3-Hörer – darunter viele Regisseure, Musiker und Publizisten – den Forderungen des Offenen Briefs angeschlossen. Sie alle unterzeichneten dabei unter anderem die folgende Formulierung: „Die allmähliche Zurichtung eines anspruchsvollen Kulturprogramms in ein leicht konsumierbares Häppchenangebot („Kultur to go“) ist nicht nur schädlich, sondern auch gescheitert.“ Ähnlich sieht das auch die Redakteurvertretung des WDR. Sie warnte Ende Januar in einer vorläufigen Stellungnahme zur WDR-3-Reform vor „Vielfaltverlust, Gleichförmigkeit, Verwechslungsgefahr“ und einer „Zerstörung der Binnenpluralität, also der Verzahnung von Kultur und Politik (zum Beispiel durch die Abschaffung des ‘Journals’, die inhaltliche Reduzierung der ‘Resonanzen’ oder die geplante Veränderung bei ‘Gutenbergs Welt’)“.

WDR-Hörfunkdirektor Schmitz: „Elitäres Kulturverständnis“ 

WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz hat am 24. Februar auf den Offenen Brief der Initiative „Die Radioretter“ reagiert und in seinem Antwortschreiben argumentiert, ein Kulturprogramm, das sich „ausschließlich an einem engen und elitären Kulturverständnis“ orientiere, sei „auf verlorenem Posten“. Schmitz betont, WDR 3 müsse im Gegensatz zu anderen Programmbereichen weder Programm noch Personal abgeben. Außerdem argumentiert der Hörfunkdirektor, der WDR müsse Form und Inhalt seiner Programme an die veränderten Mediennutzungsgewohnheiten der Hörer anpassen. Damit soll offenbar die Formatierung von WDR 3 als ein „Durchhörprogramm“ untermauert werden, das jederzeit ein- oder ausgeschaltet werden kann, ohne gezielt nach einzelnen Sendungen suchen zu müssen.

Schmitz wirft den Verfassern des Offenen Briefs ein „Kulturradio-Verständnis, das in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts modern war“, vor und meint damit, die Zeiten, in denen Hörer gezielt einzelne Sendungen auswählten, seien vorbei. Das aber sehen außer den Unterzeichnern des Offenen Briefs auch die betroffenen Mitarbeiter anders. In der Stellungnahme der WDR-Redakteurvertretung heißt es dazu: „Wer die Menschen für so schlicht hält, dass man ihnen dauernd mit Fast-Food (‘Kultur to go’) hinterherrennen muss, nimmt sie nicht ernst und tut ihnen Unrecht. Zudem verkennt er die Rolle von ausführlicher gründlicher Information und anspruchsvoller Bildung, die zum Fragen und Nachdenken verleitet, für das Überleben der Demokratie.“

„Die immer gleichen Durchhörprogramme“

Darüber hinaus kritisiert die Redakteurvertretung, die Formatierung sei inhaltlich wie künstlerisch eine Art von Zensur. „Aus allen Wellen die immer gleichen Durchhörprogramme zu machen, organisiert von ihrer Programmverantwortung zunehmend enthobenen Redakteuren, ist zudem eine Missachtung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrages“, heißt es in der Stellungnahme.

Der WDR-Rundfunkrat hat sich noch nicht zur geplanten WDR-3-Reform geäußert. Viele der betroffenen Redakteure hoffen deshalb noch auf ein Umdenken von Wellenleitung, Hörfunkdirektor und Intendantin. Zumindest ist der geplante Umbau der Sendereihe „Resonanzen“ zunächst einmal verschoben worden und soll nun erst im Mai vollzogen werden. Ursprünglich sollte die zweistündige Sendestrecke werktags vor 20.00 Uhr bereits ab dem 1. März so verändert werden, dass die Redaktion im Wesentlichen nur noch auf Wiederholungen von Berichten anderer Kulturmagazine – vor allem von „Scala“ (montags bis freitags, 12.05 bis 13.00 Uhr, WDR 5) oder „Mosaik“ (montags bis samstags, 6.05 bis 9.00 Uhr, WDR 3) – zurückgreifen kann.

Neu produziert werden sollen für das Format „Resonanzen“ künftig nur noch ein Kulturkommentar (von der ‘Programmgruppe Politik und Zeitgeschehen’ zugeliefert) und ein möglichst live geführtes Interview. Ob die Aktion der Radioretter, die bis FK-Redaktionsschluss online mehr als 5000 Unterschriften für ihren Offenen Brief sammelten, an den Plänen noch etwas ändern wird, hängt nun auch davon ab, wie Kulturpolitiker und Rundfunkrat auf die öffentliche Kritik reagieren.

02.03.2012/FK

• Text aus Heft Nr. 12/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

 

02.03.2012 – FK

Print-Ausgabe 7/2021

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