Hartmut Geerken: hexenring (BR 2)

Vernetzung

01.07.1994 •

Die Trillerpfeifen des Münchner Kessels sind mit der bayerischen Landeshauptstadt unweigerlich verbunden. Dazu kamen am 17. Juni Trommeln, Geräusche aller Art, kleine musikalische Kompositionen, das fußballspielgerechte Scheppern mit einer Bierdose – schließlich lief gerade das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft. Auf über 250 Percussion- und anderen Instrumenten erzeugten zwei Musiker im Studio IX des Bayerischen Rundfunks (BR) Klang, der auf dem Hörspieltermin von BR 2 live gesendet wurde. Dazwischen meldeten sich Stimmen zu Wort, Anrufe aus aller Welt, in Deutsch ebenso wie in Laut- und Phantasiesprachen: das „hexenring“-Hörspiel von Hartmut Geerken.

„während das hörspiel läuft, haben sie maximal 15 sekunden zeit für ein beliebiges statement, eine minilesung, ein zitat, ein geräusch, einen klang, eine wortliste…“ So lautete die Einladung des Autors Hartmut Geerken an rund 100 Freunde und Bekannte im In- und Ausland. Ein neues „interaktives hörspiel“ war geplant, alles sollte „live“ geschehen, so, wie Hartmut Geerken und der amerikanische Musiker Famoudou Don Moyé im Studio spielten, und so, wie die Akteure von auáerhalb häppchenweise mitspielten, das heißt, sich zuschalteten. Über diese Spielvorgabe hinaus war nichts verabredet, alles Weitere wurde dem Zufall überlassen. Ein Experiment, das offenblieb für reichlich viel Spannung und Risiken!

„Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat […], wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen […], ihn in Beziehung zu setzen“, schrieb Bertolt Brecht 1932. Hartmut Geerken, passionierter Pilzkundler und professioneller Literaturwissenschaftler, Autor und Musiker, sieht die medialen Möglichkeiten über 60 Jahre später jedoch kritischer: „technik isoliert das gesellige wesen mensch, obwohl sie kommunikation verspricht.“ Aber für Geerken ergibt sich daraus keine larmoyante Absage, im Gegenteil: „die beiden kommunikationsmedien radio & telefon werden in ‘hexenring’ vernetzt.“ Womit die 100 geladenen Interaktionspartner die Möglichkeit erhielten, aus ihrer Isolation herauszutreten, diese Medien kreativ zu nutzen, mitzuspielen und ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen.

„Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat“ – so noch einmal Brecht. Aber diese pessimistische Prognose erfüllte sich am 17. Juni im Geerkenschen „hexenring“ nicht. Denn sie riefen an: Schriftstellerkollegen wie Oskar Pastior, Carlfriedrich Claus und Helmut Heißenbüttel beispielsweise und viele befreundete Künstler aus aller Welt. Sie rezitierten und imitierten, sangen und lachten, sprachen ominöse Botschaften von König Ludwig oder fanden es schade, dass ihr „Kurzroman“ trotz der Mehrfachanrufe angesichts einer 15-Sekunden-Vorgabe bislang nicht die gebührende Beachtung fand. Viel lustvolles Spiel bei den Interaktionspartnern wurde spürbar, die sich auf die beiden Musiker im Studio übertrug.

„ein hexenring ist in der mykologie die kreisförmige anordnung höherer pilze. treten keine hindernisse auf, wachsen die fruchtkörper in kreisen […]. eine regiemäßige ordnung der hörerbeiträge ist nicht beabsichtigt. die hörerbeiträge organisieren sich selbst in dissipativen strukturen. ein offenes ungleichgewichtiges system drängt vorwärts.“ Diese Poetik vom „interaktiven Hörspiel“ – hier ins pilzkundliche Bild gefasst –, die Hartmut Geerken seit Jahren in seinen Hörspielarbeiten verfolgt und 1991/92 in den Seminaren der Essener Folkwang-Hochschule als Gastprofessor grundlegte, diese Poetik wurde im „hexenring“-Hörspiel radikalisiert.

Denn nicht mehr ging die Interaktion vom Arrangement dokumentarischer Textpartikel durch einen arrangierenden Autor aus wie in Geerkens Trilogie „Maßnahmen des Verschwindens“ (vgl. FK-Heft Nr. 2/93), oder vom Entzifferungsprozess eines Exiltagebuchs nach 50 Jahren vor offenem Mikrofon durch den Sprecher Peter Fricke wie in „südwärts, südwärts" (Karl-Sczuka-Preis 1989), sondern die Interaktion erfasste gleichzeitig mehrere Ebenen: Die beiden Musiker im Studio kommunizierten in ihrem Spiel miteinander; sodann reagierten sie auf die Anrufer, die ihnen über Kopfhörer eingespielt wurden; schließlich interagierten sogar die Anrufer selbst miteinander über das Medium Rundfunk, was möglich wurde, wenn sie im Sendegebiet wohnten und das gerade entstehende Werk selbst mitverfolgen konnten. So entstand ein Spiel, ein akustisches Aktionskunstwerk, ein „hexenring“.

„hexenring, hexenschuss, tor!“ (ein Anrufer). „hexenring“ – Hörspiel versus Fußballspiel. Auch wenn in der Münchner Hörspielabteilung etliche Bekundungen nicht nur des Unverständnisses, sondern auch der unflätigen Beschimpfung mittlerweile eingingen, sollte man sich vergegenwärtigen, dass die Hörspielgeschichte und eine ästhetische Weiterentwicklung vom Experiment leben. Wo passiert Ähnliches in ARD-Anstalten? Der provokative Mut mit dem Münchner „hexenring“ wird sicherlich noch manche Diskussion entzünden. Doch das gehört zu Geerkens Spielbegriff: Das „interaktive Hörspiel“ wird also weitergehen.

01.07.1994 – Hans-Ulrich Wagner/FK

 

• Text aus Heft 24/1994 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

01.07.1994 – FK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `