Hartmut Geerken: bunker (BR 2)

Sog des Rituellen

19.01.1996 •

Ein Hörer, der sich im Programmheft nicht über den biografischen Hintergrund und die Entstehungsbedingungen von Hartmut Geerkens neuem Hörspiel informiert hat, wird den Titel „bunker“ bis zum Ende nicht auflösen können; wer dagegen den „Klappentext“ kennt, wundert sich: Denn der „chronobiologische versuch“ des Autors, „vier Wochen in einem schallisolierten bunker tief in einem berg“ zu leben, hat auf der semantischen Ebene des Hörspiels jedenfalls keine erkennbaren Spuren hinterlassen. Die Rede- und Sprachpartikel, die sich vom akustischen Collageteppich aus Xylophon-Improvisationen, Jazzmusik und Geräuschfetzen abheben, sind jedenfalls nicht topografisch zu deuten, und ihre Referenz zielt – will man überhaupt soweit gehen, das akustische Puzzle auf einen Begriff zu bringen – aufs Biografisch-Psychologische, nicht auf einen spezifischen Ort. Fragmente einer Selbstbeschreibung des Autors, mit krächzender Stimme litaneihaft intoniert: „Ich habe manchmal das Gefühl, einen Kloß im Hals stecken zu haben.“

Geben wir uns also damit zufrieden, dass „bunker“ eine Metapher ist, eine Anspielung auf einen hermetisch-privaten Zustand. Geerken hat, gemäß· seiner poetischen Überzeugung, dass es „zu viel Sinn“ gebe in der Welt, wieder ein Radiokunststück geschaffen, das sich so wild&wirr&chaotisch gibt, wie man das von diesem Apologeten des „interaktiven Hörspiels“ gewohnt ist. Ein Interferenzbild aus Musik- und Satzfetzen, gestammelten Buchstabenkolonnen („o p i f h“), Schreibmaschinengeklapper, Zitaten aus der griechischen Mythologie, plätscherndem Wasser, Gelächter usw. usw..

Dass der Autor hartnäckig-nervend nach einem gewissen „Fiffi“ ruft, hat dieselbe dunkle Bedeutung wie alles andere in diesem Dionysos-Chaos. Ausbruch und Affront ist die Geste Geerkens; vom Hörer verlangt er Freiheit und Einbildungskraft, um dem akustischen Tohuwabohu Reiz abzugewinnen. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Wer aber die Bereitschaft mitbringt, sich überhaupt auf ein unkonventionelles Radio-Experiment einzulassen, auf Sound- und Audio-Art, akustische Kunst oder wie immer man die Grenzüberschreitung ins Musikalische bezeichnen mag, wird beim Hören von „bunker“ bald eine andere Frage in den Vordergrund rücken: Wie steht es mit der kompositorischen Qualität von Geerkens Stück? Warum stellt sich nach 20 Minuten zunehmende Langeweile ein?

Hier liegt eigentlich der Hund („Fiffi“?) begraben: Denn allzubald beginnt das 60-Minuten-Stück auf der Stelle zu treten. Das improvisierend gespielte Xylophon wird als leitmotivisches Instrument überstrapaziert. Stereotypes Klimpern und „Fiffi“-Rufen erstickt den musikalischen Drive und zwingt das Stück auf eine Kreisbahn. Wer weiß, vielleicht hat Geerken mit Endlosschleifen gearbeitet? Womöglich ist die Wiederkehr des Immergleichen gewollt? Die Anspielungen auf die Mythologie lassen das jedenfalls vermuten.

Statt kompositorischer Entwicklung wird Wiederholung zelebriert. Dadurch aber bekommt „bunker“ etwas Einhämmerndes, es gerät in den Sog des Rituellen. Eben die Freiheit aber, um die es Geerken im Geist des Free Jazz doch zu tun ist, wird demontiert. Die anarchische Geste erstarrt zur Pose, Aleatorik mündet in Determinismus, Chaos schlägt um in starre Ordnung. Das ist vielleicht der innerste Widerspruch von Geerkens Hörspielarbeit. Dass im Anschluss an „bunker“ eine Lesung des Autors über „schamanismus in sibirien&andechs“ zu hören war, verstärkt den Verdacht, dass der esoterische Sinn nicht weniger zwanghaft ist als der rationale.

19.01.1996 – Jochen Rack/FK

• Text aus Heft Nr. 3/1996 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

19.01.1996 – FK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `