Hartmut Geerken: bombus terrestris revisited (Bayern 2 Radio)

Nachproduktion tat dem Konzept nicht gut

03.03.2000 •

Den „kleinsten mobilen Lautsprecher“ nannte John Cage die Stubenfliege. Das nicht enden wollenden Gesurre einer Fliege, die die Existenz einer Glasscheibe einfach nicht zur Kenntnis nehmen will, kennen wir nur zu gut. Zum Glück hat Hartmut Geerken, Schriftsteller, Komponist und Jazz-Musiker, für seine akustische Annäherung ein anderes Insekt auserwählt: die Erdhummel, im Fachjargon „bombus terrestris“. Bereits 1998 entstand sein Hörspiel, das er mit der lateinischen Gattungsbezeichnung dieses Tieres betitelte. Die BR-Produktion entführt den Hörer in das Innere eines Hummelnestes. Unglaublich, was es hier alles zu hören gibt: Summen, Brummen, Rauschen, Wispern, Zirpen, Knarren, Knistern, Sirren, Schwirren...

Über mehrere Tage erstreckte sich Geerkens Lauschangriff. Anschließend schnitt er die analogen Aufnahmen aneinander. In „einer vor Künstlichkeit strotzenden Medienwelt“, wie er in seiner Einleitung sagt, hat er das Natürliche gesucht. Auch wenn man es zunächst nicht für möglich halten mag: Der akustische Ausflug in den Hummelalltag ist ein spannendes Hörerlebnis, das zum Assoziieren verführt.

Die semantische Offenheit dieses völlig wortlosen Hörspiels lässt viel Raum für individuelle Wahrnehmungen. Die suggestive Kraft der Aufnahmen vermittelt das Gefühl, ganz ins Innere einer fremden Welt eingetaucht zu sein. Nur verschwommen sind menschliche Geräusche zu hören: ein Schlaghammer, ein Hubschrauber, Autos – weit weg und überdeckt von den Lauten der Hummeln.

Leider hat es Geerken nicht bei den reinen Hummelgeräuschen belassen, sondern nachträglich seine eigene Stimme hinzugemischt. Eine Kommunikation zwischen Insekten und Menschen habe er herstellen wollen, doch das nachträglich hinzugefügte menschliche Schnalzen und Schmatzen stört eher, als dass es eine Bereicherung darstellt. Umso weniger ist nachvollziehbar, dass sich Geerken zwei Jahre später noch einmal mit seinem Hummelmaterial ins Studio begab, um die Aufzeichnungen live neu zu mischen und in einen neuen „Dialog“ mit den Hummeln zu treten. Beschwört er damit nicht genau das, wogegen er sich ausdrücklich gewandt hat: die konstruierte Künstlichkeit der Medien? Während man sich in der 1998er-Produktion wie ein heimlicher Besucher mitten im Hummelnest gefühlt hat, überwiegt in der Neuproduktion der Studiocharakter und das Natürliche wird vom Artifiziellen überlagert.

Was genau Geerken am Mischpult und vor dem Mikrofon alles anstellt, lässt sich schwer ausmachen. Neben den Hummeln sind menschliches Grunzen, Röcheln und Wimmern zu hören. Hinzu kommen Klacker- und Klopfgeräusche, Schrubben und Schaben, doch von dem intendierten „Gespräch zwischen existierendem Hörspiel, Insekten und Publikum“ ist wenig zu spüren, und mit der Zeit setzt beim Zuhören eine gewisse Ermüdung ein. Die Erstvisite bei den Hummeln war ein besonderes Ereignis, das von der Authentizität der Aufnahmen lebte. Die nachgeschobene Live-Bearbeitung aber verwässert die Intensität des ursprünglichen Materials. Dann doch lieber gemäß dem Motto „Zurück zur Natur“.                                               

03.03.2000 – Annette Vielhauer/FK

• Text aus Heft Nr. 9-10/2000 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

03.03.2000 – FK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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