Harald Bergmann: Scardanelli. Hörspiel auf der Grundlage des gleichnamigen Films (SWR 2/Nordwestradio)

Unerhört

22.09.2016 •

Die späten Gedichte Friedrich Hölderlins (1770 bis 1843), das heißt jene Fragmente und Überlieferungen, die der Dichter in seiner leidvollen Turmzeit in Tübingen geschrieben hat und oft mit dem Pseudonym Scardanelli unterschrieben wurden, sie blieben der Wissenschaft und Forschung bis tief ins 20. Jahrhundert verschlossen. Der Hinweis auf ihre „Hermetik“ gehörten noch zu den freundlicheren Einlassungen, fataler waren da gewiss die Hinweise oder auch Fehleinschätzungen des Germanisten Lawrence Ryan, der sich 1962 in einer Hölderlin-Studie zu abenteuerlichen Bewertungen der Scardanelli-Texte verstieg. Er schrieb damals: „Diesen ganz späten Gedichten geht die Gespanntheit und Komplexität, die angestrengte Besonderheit der vorangegangenen Hymnen ab. Es eignet ihnen eine neue, spannungslose Einfachheit und Lauterkeit, die oft ergreifen kann; ihr Stil wirkt jedoch ein wenig formelhaft, ihr sprachlicher Duktus etwas ungeschickt, die Anschauung schemenhaft.“

Diese Einschätzung war sicher ebenso problematisch wie die einst von Pierre Bertaux (1907 bis 1986) akribisch herausgearbeitete Vermutung, Hölderlin habe seine Krankheit des „Wahnsinns“ nur vorgetäuscht, um als Jakobiner und Freund der Französischen Revolution einer Verhaftung zu entgehen. Beide Positionen lassen sich wohl heute nicht mehr ohne weiteres halten und so können die heutigen Freunde der Hölderlin-Dichtung dankbar sein, dass es nicht zuletzt der 1963 in Celle geborene Regisseur, Filmemacher und Grimme-Preispräger Harald Bergmann war, der einen neuen unspektakulären Zugang zu Leben und Werk des Dichters verschaffen konnte. Zwischen den Jahren 1992 und 2003 realisierte Bergmann vier Hölderlin-Filme („Scardanelli“, „Hölderlin Comics“, „Lyrische Suite“ und „Passion Hölderlin“), die auf Festivals und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufmerksam registriert wurden, so dass die Universitätsstadt Tübingen den Filmemacher 2007 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis auszeichnete. Obwohl auf dem Markt auch eine DVD-Edition der Hölderlin-Filme angekündigt und versprochen ist, kann diese zur Zeit nur mühsam über vielerlei Umwege erworben werden.

In dem von Manfred Eichner gegründeten Musiklabel ECM Records wurde nun die Tonspur des „Scardanelli“-Films (2004) ausgekoppelt und als eigenständiges Hörspiel auch den öffentlich-rechtlichen Hörfunksendern angeboten. Der Südwestrundfunk (SWR) spricht in einem Produktionshinweis von einer Tonspur, „die auf höchstem ästhetischen und mischtechnischen Niveau realisiert“ wurde, „ein kleines akustisches Meisterwerk, das verdiente, in den Hörspielkanon aufgenommen zu werden“. Die ECM-Produktion wurde am 4. September fast zeitgleich von den Programmen SWR 2 und Nordwestradio (Radio Bremen) übernommen und ausgestrahlt.

In das knapp 65 Minuten umfassende Stück muss sich der Hörer freilich insofern sukzessive einhören, als die Zuordnung der Zeitgenossen und Stimmen, ob Wilhelm Waiblinger, Lotte und Ernst Zimmer, Dr. Gmelin oder viele andere, einer gewissen Mühe bedarf. Nach und nach bemerkt aber das hörende Ohr, dass es auf eine solche akustische Objektivierung in dieser Hörspielproduktion der besonderen Art gar nicht ankommt, da zum Beispiel die Klavierkompositionen von Peter Schneider (neben solchen von Schubert, Bach und Mozart) den Hörer immer sicherer durch eine Welt des Nur-Gehörten zu führen vermögen.

Und dann ist da die Stimme des unvergleichlichen Walter Schmidinger (1933 bis 2013), der in den Film von 2004 die Scardanelli-Einschübe eben nicht lesend rezitiert (solches hätte man erwarten können), sondern in gebrochenen Staccati zu einer neuen Vortragswirklichkeit verhilft, womit ein ganz „unerhörter“ Hölderlin-Zugang ermöglicht wird. Sehr angenehm ist auch, dass die schwäbischen Zeitgenossen durch Bergmanns Regie nicht in einen bramarbasierenden Tonfall (vergleiche regionale Hörspiele) verfielen, sondern sich mit der Andeutung ihrer Herkunft begnügten. Das Hörspielexperiment hat sich auf alle Fälle gelohnt und erinnerte formal wie von fern an die kunstvolle Tonspur von Walter Ruttmanns „Weekend“ (1930).

22.09.2016 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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