Hans-Ulrich Wagner: Ein Romancier des Radios – Fred von Hoerschelmann (SWR 2)

Im Strukturdefizit

23.11.2001 •

Der Hörspieldramaturg Heinz Schwitzke (1908-1991) verehrte und förderte den baltischen Adeligen, Poeten und Hörspieldichter Fred von Hoerschelmann (1901-1976) mit Nachdruck und Ausdauer und wusste ihn vergleichend in eine Reihe mit Günter Eich zu stellen. Das war ein Lob aus dem Munde des Hamburger Hörspielförderers, wie es kaum größer hätte sein können. Schwitzke notierte 1967: „Die Vorgänge, die der Autor entwickelt, wirken nicht, wie bei Günter Eich oder jüngeren Hörspieldichtern, als erwüchsen sie aus Träumen und lyrischen Impressionen. Eher ist man geneigt zu sagen, dass Hoerschelmanns Figuren die Plastik dramatischer Gestalten haben, seine Handlungsabläufe mit ihren überraschenden, aber sorgsam motivierten Wendungen etwas Episches.“

Hoerschelmann schrieb rund 20 Hörspiele, darunter „Flucht vor der Freiheit“ (1931), „Amtmann Enders“ (1949), „Was sollen wir denn tun?“ (1950), „Die verschlossene Tür“ (1951) und „Dichter Nebel“ (1961). Am bekanntesten wurde sein tragisch disponiertes Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ (1953), eine Produktion, die mehreren Generationen von Lehrern als Nachweis für  das deutsche Hörspiel schlechthin zu gelten hatte. Landes- und Kreisbildstellen führen dieses historische Hörspiel landauf, landab immer noch in ihrem Repertoire, dergestalt, als habe Fred von Hoerschelmann die Hörspielgeschichte definitiv zu Ende geschrieben. Immerhin demonstrierte dieses Hörspiel überzeugend, was akustische Spannung unter tragischer und damit unausweichlicher Zuspitzung sei. Es wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. 

Hans-Ulrich Wagner, Germanist und Medienhistoriker, erinnerte in einem für den SWR-Hörfunk erstellten Porträt an den Hörspieldichter, machte sich auf die Spurensuche nach einer Biografie, die trotz vermeintlicher Erfolge immer wieder mit der harten Realität des „freien“ Schriftstellers konfrontiert war. Anfang der 1950er Jahre, als der Dichter regelmäßige Auftragsarbeiten für den damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) zu schreiben begann, notierte er: „Ich musste mehr schreiben, als es dem Schreiben gut war, die Sendungen waren schlecht gemacht, im Ganzen habe ich dabei weit mehr verloren als gewonnen, und ich bin im letzten Januar rasch wieder ausgestiegen, in die gewöhnliche Unsicherheit, die mir aber weit mehr bietet.“ Akustische Auszüge aus den Rundfunkarbeiten gewährten Einblick in das Schaffenspotenzial des Hörspielautors.

Dabei fiel schmerzlich ins Gewicht, dass der SWR eine großformatige Sendefläche wie die alte Samstagabend-„Soirée“ aus den Zeiten des Südwestfunks (SWF) nicht mehr besitzt. Bei einer jetzt maximalen Sendestrecke von 60 Minuten ist Tempo vorgeschrieben. Die bedauerliche Formatierung und Einschnürung ging nicht nur auf Kosten der Zitatlänge. Offensichtlich fielen ganze Hörsequenzen dem Rotstift zum Opfer. Ein im Manuskript noch ausgewiesenes Interview von Hans-Ulrich Wagner mit Elisabeth Noelle-Neumann, der Allensbacher Pythia vom Bodensee – sie war mit Fred von Hoerschelmann über Jahrzehnte befreundet –, hätte den Bogen zur Gegenwart im Sinne von Oral History eindrücklich schlagen können, doch fiel dieses ganz einfach unter den Tisch.

So hatte sich der Hörspielfreund vor allem auf einen kenntnisreichen, aber temporeichen Essay einzustellen. Zeit zum Durchatmen – wie seinerzeit bei der „Soirée“ – blieb da nicht mehr. Vielleicht denkt man beim SWR über dieses Strukturdefizit einmal in aller Ruhe nach.

23.11.01 – Christian Hörburger/FK

• Text aus Heft Nr. 47/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.11.2001 – FK

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