Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder Der Eigensinn (Nordwestradio/SWR 2)

Beeindruckendes Totengespräch

01.08.2008 •

Hans Magnus Enzensberger hat in einem Nachwort zu seinem jüngst erschienenen Bericht „Hammerstein oder Der Eigensinn“ auf die Feststellung Wert gelegt, dass „dieses Buch kein Roman“ sei, es verfahre eher analog zur Fotografie als zur Malerei. In einem genialen dokumentarischen und zugleich fiktiven Aufriss spürt Enzensberger den Lebensstationen von Kurt von Hammerstein-Equord (1878-1943) nach. Er war ein hochrangiger Militär (Chef der deutschen Heeresleitung), der in beispielhafter, doch nahezu verschwiegener intellektueller Opposition zu Adolf Hitler stand, kommendes Unheil scharfsichtig ahnte und bereits im Dezember 1933 demissionierte, ohne davon großes Aufhebens zu machen. Der Generalissimus soll übrigens einmal ausgeführt haben: „Ich unterscheide vier Arten von Offizieren: Es gibt kluge, fleißige, dumme und faule. Sie machen in jeder Armee 90 Prozent aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleißig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.“

Hammerstein war ein entschiedener Gegner der Aufrüstungspläne Adolf Hitlers und die sieben Kinder des Generals, „republikanisch“ und in einem preußischen Wertesystem erzogen, schlossen sich teilweise kommunistischen Widerstandskreisen in Moskau an. So kam es auch, dass die zunächst relativ unbehelligt lebende Großfamilie Hammerstein nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 die Flucht ins Ausland und nach Übersee antreten musste, weil die Nazi-Schergen den Regime-Gegnern dicht auf den Fersen waren. Die Familie Hammerstein, so resümiert Enzensberger, zeige auf kleinstem Raum „alle entscheidenden Motive und Widersprüche des deutschen Ernstfalls […], von Hitlers Griff nach der totalen Macht bis zum deutschen Taumel zwischen Ost und West, vom Untergang der Weimarer Republik bis zum Scheitern des Widerstandes und von der Anziehungskraft der kommunistischen Utopie bis zum Ende des Kalten Krieges.“

Wo die befragten Archive in Berlin, Cambridge, Moskau oder Washington nichts Essenzielles im Einzelfall hergaben, wo Zeitzeugen durch ihren Tod nicht mehr zu befragen waren, da bediente sich der Autor der alten literarischen Form des Totengesprächs. Hier werden Kurt von Hammerstein, Ruth von Mayenburg, Werner Scholem und andere in den Zeugenstand von Enzensberger gebeten, und sie geben bald mürrisch lakonisch Auskunft oder ziehen es doch vor, sich dem Befrager mit köstlichen ironischen Brechungen berechnend zu verweigern.

Die Hörspieleinrichtung, die eine Sendestrecke von insgesamt rund 200 Minuten umfasst, ist eine Koproduktion von Radio Bremen (federführend) und dem Südwestrundfunk (SWR), und wer auch nur einen Funken von Interesse für deutsche Geschichte in sich glimmen spürt, der dürfte von dieser beeindruckenden Audioversion ebenso angetan, ja enthusiasmiert gewesen sein wie der Rezensent, der die zweiteilige, etwas gekürzte Ausstrahlung auf dem SWR-2-Sendeplatz am Sonntag hörte (zweimal 100 Minuten). Der bei der Produktion federführende Sender Radio Bremen hat das „Hammerstein“-Buch als Hörspiel von dreimal 80 Minuten inszenieren lassen und strahlte diese insgesamt 240-minütige Version in seinem gemeinsam mit dem NDR veranstalteten Nordwestradio auf dem Hörspieltermin am Freitagabend aus.

Regisseurin Christiane Ohaus hatte mit Friedhelm Ptok als Autor oder mit Hans-Michael Rehberg als Kurt von Hammerstein keinerlei Mühen und ließ auf der anderen Seite die wunderbar gebrochenen Frauenstimmen von Gisela May oder Lieselotte Rau gegen die preußische Militär- und Männerwelt ansprechen. Allein die kleinen musikalischen Sequenzen (Michael Riessler) schienen einem ganz anderen und fernen Radiohimmel entlehnt. Dem „Eigensinn“ der Hammersteins waren diese Töne nicht unbedingt verpflichtet. Oder doch: wenn quälend Dissonantes als akustische Tautologie für diese stolze Familie zu dienen hätte.

• Text aus Heft Nr. 31/2008 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

01.08.2008 – Christian Hörburger/FK