Hakim Djaziri: Neben der Spur. 2‑teiliges Hörspiel (SR 2 Kulturradio)

In den Pariser Banlieues

17.12.2021 •

Von der Theaterbühne ins Radio und aus dem Französischen ins Deutsche – das zweiteilige Hörspiel „Neben der Spur“ von Hakim Djaziri hat sowohl eine mediale als auch eine sprachliche Übersetzung hinter sich. Die nach der Bearbeitung und unter der Regie von Martin Zylka entstandene Koproduktion von Saarländischem Rundfunk (federführend) und Radio Bremen zeichnet die Entwicklung eines jungen Mannes zum religiösen Fanatiker nach und zeigt die Umstände und Stationen dieser Radikalisierung.

Die Geschichte ist bis zu einem bestimmten Punkt die von Hakim Djaziri (in der französischsprachigen Bühnenfassung spielte er selber die Hauptfigur). Der im Hörspiel vom Schauspieler Samir Fuchs gesprochene Antiheld des Stücks kommt in den 1990er Jahren als kleines Kind mit seiner Familie aus Algerien nach Frankreich, die areligiösen Eltern (gesprochen von Tayfun Bademsoy und Meral Perin) fliehen vor dem islamistischen Terror, der ein sicheres Leben in dem nordafrikanischen Staat unmöglich macht.

Trotz rundum weltlicher Erziehung wendet sich der Handlungsträger dem Salafismus zu. Danach beginnen autobiografische Vorlage und fiktionale Ausformung voneinander abzuweichen. Während Djaziri den Ausweg aus dem religiösen Wahn fand und sich mit aufklärerischer Intention dem Theater zuwandte, verstrickt sich der Protagonist des Stücks immer mehr in ein antirationale, fundamentalistische und sogar terroristische Bestrebungen hegendes Sozialgefüge. Bald ist der Namenlose selbst unterwegs zu einem Sprengstoffanschlag, bei dem der eigene Suizid mit eingeplant ist. Der Funke der Erkenntnis, dass es falsch ist, was er tut, springt aber immerhin noch auf ihn über, so dass er in letzter Sekunde einen Rückzieher macht und die Flucht ergreift.

Hakim Djaziri erzählt seine einen Zeitraum von etwa 30 Jahren umfassende Geschichte leichtfüßig. Wie über Trittsteine springt der Autor von Episode zu Episode. Es ist vor allem diese Sprunghaftigkeit, deren minimalistische Struktur die Plotpoints liefert. Dennoch ist „Neben der Spur“ zugleich von einer sehr ruhigen Erzählweise geprägt. Die szenischen Episoden sind mit großer Sorgfalt ausgearbeitet und werden von verlangsamend wirkenden, rein narrativen Tagebuchnotizen und Briefen des Protagonisten grundiert und gestützt.

Das insgesamt gut anderthalbstündige Hörspiel stellt sehr eindrücklich die Unterschiedlichkeit der in den Pariser Banlieues lebenden muslimischen Bevölkerung dar. Sowohl die Versuche, den Protagonisten von seiner religiösen Verblendung abzubringen als auch die Bestrebungen, ihn als Rekruten für den islamistischen Terror zu gewinnen, gehen in dem Stück nur von muslimischen Menschen aus. Djaziri zeigt damit die ganze Vielfalt dessen, was man als muslimische Identität bezeichnen könnte: von strikt weltlicher Orientierung über ein an religiösen Geboten orientiertes Leben bis hin zum Fanatismus.

Die französische Mehrheitsgesellschaft glänzt in „Neben der Spur“ durch Abwesenheit – und darin liegen sowohl Anklage als auch Entschuldigung. Zum einen wird deutlich, dass es nicht nur kaum Chancen zu sozialem Aufstieg und Anerkennung für junge Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund gibt, sondern dass der Staat aufgrund seines Desinteresses am Schicksal dieser oft prekären Existenzen auch zu wenig gegen deren Radikalisierung tut. Zugleich macht der Autor unverblümt deutlich, dass der Islam radikale Strömungen hat, die sich in diesen ‘Freiräumen’ festzusetzen versuchen.

Über das Auslassen der französischen – oder in einem weiteren Sinn westlichen – Mehrheitsgesellschaft, zeigt sich jedoch auch eine Schwachstelle des Stücks. Es lässt die Frage außen vor, wie es sein kann, dass sich nicht nur junge Menschen mit Migrationshintergrund dem radikalen Islam zuwenden, sondern auch sehr viele Konvertiten aus der Mehrheitsgesellschaft. Diese Frage nicht zu stellen, blendet die Komplexität der Problematik aus. So kommt das Stück über eine gewisse pädagogische Modellhaftigkeit nicht hinaus. Es geht, wie der Titel „Neben der Spur“ (im französischen Original: „Désaxé“) besagt, um junge Menschen, die im übertragenen Sinn vom ‘rechten Pfad’ abkommen oder wie ein eiernder Kreisel keine Orientierung in der sie als fremd betrachtenden Gesellschaft finden.

Hakim Djaziri, der in Pariser Banlieues versucht, mit Theaterworkshops abgehängten Jugendlichen eine Perspektive in der Kreativität zu zeigen, bekam für den französischen Theatertext, den Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand im Auftrag des Saarländischen Rundfunks (SR) für das Hörspiel ins Deutsche übersetzt haben, im Jahr 2018 den „Grand Prix du Théâtre“. Lobend muss am Hörspiel noch das ausgezeichnete Ensemble hervorgehoben werden, das die Geschichte für das Publikum erst richtig emotional erlebbar macht. In weiteren Rollen sind Denis Moschitto, Aydin Isik, Yasemin Askin, Kasem Hoxha, Carlos Lobo, Kais Setti und Kordula Leiße zu hören. (Die beiden Teile der Produktion „Neben der Spur“ sind im Internet-Angebot des SR und in der ARD-Audiothek weiterhin zum Anhören abrufbar.)

17.12.2021 – Rafik Will/MK

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