Gwendoline Soublin: Pig Boy 1986-2358. Replay der Menschwerdung (NDR Kultur)

Ein Übermaß an Pathos

19.11.2021 •

Der überschuldete Inhaber eines Mastbetriebs, ein als Werbeikone gefeiertes Schwein und die Nachkommen einer mit Chimären aus Schwein und Mensch trächtigen Sau: Sie sind die Pigboys in Gwendoline Soublins Stück „Pig Boy 1986-2358“. Mit diesem Werk liegt nun auch das erste Hörspiel der 1987 geborenen französischsprachigen Autorin vor. Es basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück, uraufgeführt am 7. November 2019 am Théâtre du Parc in Andrézieux-Bouthéon (bei Saint-Étienne). Die Übersetzung haben Lydia Dimitrow, Andreas Jandl und Corinna Popp besorgt und die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks auf der Bühne des Theaters Plauen-Zwickau ist für das Frühjahr 2022 angesetzt.

Die Hörspielabteilungen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und des Schweizer Rundfunks (SRF) haben ihre eigene Bearbeitung umgesetzt, der Text ist als Koproduktion beider Sender fürs Radio adaptiert worden, im Titel ergänzt um den Zusatz „Replay der Menschwerdung“. Das Programm NDR Kultur strahlte „Pig Boy“ am 22. September 2021 aus, während noch nicht bekannt ist, an welchem Termin SRF 2 Kultur das unter der Regie von Susanne Janson entstandene Hörspiel senden wird.

In drei durchnummerierten Kapiteln wird in dem Stück unter verschiedenen Schwerpunktsetzungen die Beziehung zwischen Mensch und Hausschwein ausgelotet. Die Geschichte beginnt als postdramatisches Sozialdrama und dreht sich um den insolventen Schweinemäster Theodor Bouquet (gesprochen von Maximilian Scheidt), den der Text direkt als „Du“ anspricht, womit das Publikum zu einer identifikatorischen Lesart der Hauptfigur animiert wird. Bouquets Lebensentscheidungen werden von der Geburt Ende des 20. Jahrhunderts an im Schnelldurchlauf zusammengefasst und dabei immer als die Wahl einer von zwei Möglichkeiten präsentiert. Er entscheidet sich augenscheinlich stets für die schlechtere und verfehlt seinen Traum, Cowboy, also Rinderzüchter, zu werden. Er bleibt ein Pigboy und setzt am Ende sich und seinen Hof in Flammen.

Im zweiten Kapitel, das in einer nahen Zukunft spielt, geht es gänzlich erzählerfrei zu. Dargestellt wird der Gerichtsprozess gegen einen männlichen Eber, die Werbefigur eines internationalen Schinkenherstellers („Perta“). Dieses Hausschwein heißt „Pig Boy“ und ist Nachkomme einer Zuchtlinie aus Bouquets Betrieb. Der Prozess wird live gestreamt und findet in einer Art augmented reality statt. Angelegt ist das Ganze als Groteske. „Pig Boy“ ist zwar ein normales, wenn auch luxuriös lebendes Schwein, das nicht mehr als grunzen kann, muss aber als Projektionsfläche für die Öffentlichkeit herhalten. Nicht nur Werbeobjekt für seinen ‘Arbeitgeber’ bzw. Besitzer, sondern sogar Sexobjekt bestimmter Fankreise ist es.

Der Sodomievorwurf richtet sich dann aber nicht gegen die Frau, die das Hausschwein gestalkt und in seinem Hotelzimmer aufgesucht hat, sondern gegen das Schwein. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit des Publikums spricht sich in der Abstimmung für einen Schuldspruch aus, es folgt die Hinrichtung des Schweins auf dem Scheiterhaufen. Auch das zweite Kapitel schließt also recht martialisch. Vorher geht es aber durchaus auch absurd und komisch zu. Die ganze Prozess-Szene lang aber bleibt unangesprochen, dass männliche Ferkel in der Regel kastriert werden und „Pig Boy“, wie es an einer Stelle heißt, von einem normalen Perta-Lizenzbetrieb stammt.

Mit dem dritten Kapitel geht es dann ab in eine dystopische Zukunft, die wohl am Ende der von Soublin im Titel festgelegten Zeitspanne liegen muss. Der Konzern Perta produziert Mischwesen aus Schwein und Mensch, die als Ersatzteillager dienen. Eine der austragenden Sauen (und – wer hätte es gedacht? – wieder kommt sie aus Bouquets Zuchtlinie) entläuft aus dem Hochsicherheitsstall und ihr rudimentärer Bewusstseinsstrom (inklusive Halluzinationen) ist das Einzige, was das letzte Kapitel zu bieten hat – klingt ein bisschen nach Yoda aus „Star Wars“.

Insgesamt spricht aus Gwendoline Soublins Hörspiel ein Hang zum Aktivismus für Tierrechte. Das Stück nimmt dadurch auf ganzer Linie großen Schaden. Schweine werden hier sozusagen als edle Wilde inszeniert, was oft ein Übermaß an Pathos mit sich bringt. Wenn Soublin wollte, könnte sie aber sicher an ihrem Talent zur Satire arbeiten – im zweiten Kapitel des Stücks scheint es durch. Auch die Schauspieler, ein größeres Ensemble, zeigen hier durchweg ihr Können.

19.11.2021 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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