Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend. Hörspiel in 3 Teilen nach dem Roman „L’Éducation sentimentale. Histoire d’un jeune homme“. Funkbearbeitung: Manfred Hess (SWR 2)

Dem Gestus des Romans sehr nahe

29.01.2021 •

Rund zehn Jahre nach Abschluss seines Romans „Madame Bovary“ (1856), zunächst nur von wenigen Literaturkritikern akzeptiert und verstanden, publizierte Gustave Flaubert (1821-1880) seine Gesellschaftsstudie „L’Éducation sentimentale“ (1869), ein „Roman de l’échec“, die literarische Studie des persönlichen und politischen Scheiterns im Schatten des Bürgerkönigs Louis-Philippe und seiner kurzen Regentschaft (1830-1848) sowie der nachfolgenden neuerlichen Umstürze in Frankreich. Frédéric Moreau, exemplarischer Held des Scheiterns und des gepflegten Müßiggangs und der Labilität im modernen französischen Roman, durchmisst das Pariser Leben und die Zeitgeschichte als schwankender und traumwandelnder Held mit künstlerischen wie amourösen Wunschträumen – doch all seine Utopien zerbrechen im kraftlosen Schlendrian seiner Tag- und Nachtchimären.

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) bemerkte 1904 in einem Schreiben an den Übersetzer Alfred Gold: „Für mich gehört die Éducation sentimentale zu jenen Büchern, die uns durchs Leben begleiten. Eines jener seltenen Bücher scheint sie mir zu sein, die sich auf das ganze Leben beziehen. […] Sie ist ein gefährliches Buch und ein heilsames, diese Seiten können eine grenzenlose Entmutigung ausatmen und wieder lässt sich aus ihnen eine so unendliche Belehrung schöpfen, soviel Einsicht in das wirre Kräftespiel unseres Lebens gewinnen! Unseres Lebens. Und doch ist das Buch nicht von heute, es malt eine Zeit, die weit hinter uns liegt, und es malt sie so treu, ist so sehr ein Dokument von 1848, dass ich Männer weiß, die heute sechzig alt sind und die nicht imstande sind, dieses Buch objektiv zu lesen, so sehr ergreift sie darin die Atmosphäre ihrer frühen Jugend und nimmt ihnen den Atem.“

Chefdramaturg Manfred Hess hat den umfangreichen Roman als Hörspiel-Dreiteiler für den Südwestrundfunk (SWR) bearbeitet und eingerichtet, wobei er sich auf die aktuelle, kluge und neue Übersetzung von Elisabeth Edl für die 2020 im Hanser-Verlag erschienene neue Buchausgabe stützen konnte. Die feinfühlige und „moderne“ Übersetzung wurde durchgängig enthusiastisch gelobt (vgl. dazu etwa „Süddeutsche Zeitung“ vom 19.10.20, „taz“ vom 13.10.20, „Die Zeit“ vom 8.10.20 und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 24.9.20).

Skepsis und Hinterfragung der Übersetzung galten allenfalls Edls sperrig anmutender Wahl des Untertitels: „Lehrjahre der Männlichkeit“. Die Übersetzerin verweist in diesem Zusammenhang freilich auf eine kess und bewusst gesetzte Querverbindung zu dem deutschen Romancier Friedrich Schlegel (1772-1829), der in seinem Roman „Lucinde. Bekenntnisse eines Ungeschickten“ den zweiten Teil ausdrücklich mit „Lehrjahre der Männlichkeit“ überschrieb. Das löst das Übersetzungsproblem für Flauberts Titelgebung indes nur bedingt, ist aber sicherlich ein eleganter Hinweis. Seit dem Jahr 1904 hat es wenigstens sieben Annäherungsversuche an einen plausiblen deutschen Titel gegeben, wobei auch diese frühen Titelvarianten – etwa „Schule der Empfindsamkeit. Geschichte eines jungen Mannes“ (1904), „Lehrjahre des Gefühls“ (1951) oder „Lehrjahre des Herzens“ (1957) – viele Fragen zur Stimmigkeit hinterlassen.

Die im Dezember 2020 ausgestrahlte dreiteilige SWR-Produktion hat eine Sendelänge von rund 300 Minuten (fünf Stunden) und Manfred Hess wird sich bei der Bearbeitung der rund 600-seitigen Romanvorlage immer wieder schwergetan haben, in die Fülle des Erzählstroms einerseits einzugreifen und andererseits bei nahezu zwei Dutzend Akteuren und Zeitgenossen aus der revolutionären Metropole Paris den Hörer lustvoll am Radio zu halten – kein leichtes Unterfangen. Mit Senta Berger als Grande Dame und routinierter Erzählerin trafen die Produzenten des Großhörspiels sicher eine weitsichtige Entscheidung. Die Hörspieljahrzehnte mit den männlich dominierten Erzählstimmen von Gert Westphal, Christian Brückner, Ernst Jacobi, Jens Wawrczeck und vielen anderen sind vorbei und es ist gut so, sich an diesen Paradigmenwechsel in Radio und Hörspiel nach und nach zu gewöhnen. Senta Berger kommt mit ihrer ruhigen und hier nahezu emotionsfreien Stimme dem Gestus des Romans sehr nahe: Sie bewertet nicht, sie berichtet aus abgeklärter Distanz von Menschen und Schicksalen, von Kriegen und Schlachten.

Allerdings hat die Bearbeitung den Erzählfluss manchmal rasch und hektisch unterbrochen und auf eine übermächtige Dialogisierung des epischen Flusses gesetzt – verständlich und bearbeitungstechnisch auch nolens volens einzusehen. Doch wurde damit das epische Kontinuum geopfert. Diese gewaltsame Zusammenschnürung für die Bedürfnisse des Radios und des Hörspiels ist auch bei der berühmten Ausfahrt des Helden Frédéric Moreau mit einer seiner Geliebten – Rosanette – in die romantische und verspielte Umgebung von Fontainebleau zu beklagen. Die bemerkenswerte Szene, im Roman (3. Kapitel) als großer Kontrapunkt Flauberts zu den Pariser Barrikadenkämpfen angelegt, fällt im Hörgeschehen fast ganz unter den Tisch. Und wenn hier schon kleinmütig gekrittelt wird, so sei auch die vermeidbare „Eindeutschung“ (einiger) der Eigennamen durch die Erzählerin erwähnt: Das betrifft die Aussprache von „Hussonnet“, „Dussardier“ oder „Élisabeth-Olympe-Louise Roque“ – das sei am Rande notiert.

Als Protagonist und verträumt-glückloser Nymphomane Fréderic Moreau spricht Patrick Güldenberg seinen großen Part mit Witz und schalkhafter Tumbheit, ohne dass freilich seiner Roman-Biografie je ein belastbares Glück lachen kann. Güldenberg spielt und bespricht das tragische Roulette zwischen Frauen, Geld und Politik mit lakonischem Zungenschlag – bitter und als unwiderstehlicher Macho in Samt und Seide am Rande der Pariser Revolutionen. Die Funktion des Gescheiterten und Gelangweilten, des Mittelmäßigen und des sympathischen Dummkopfs im Strudel der Salons, das nimmt ihm der Hörer mit zunehmendem Vergnügen gerne ab.

Gustave Flaubert resümierte 1868 seine „Éducation sentimentale“ mit dem Hinweis: „Ich gestehe mir nicht das Recht zu, irgendwen zu bezichtigen. Ich glaube nicht einmal, dass der Romancier seine Meinung über die Dinge dieser Welt ausdrücken soll. Er kann sie vermitteln, aber ich mag es nicht, wenn er sie sagt. […] Ich beschränke mich also darauf, die Dinge so darzustellen, wie sie mir erscheinen, das auszudrücken, was mir als das Wahre vorkommt. Die Folgen kümmern mich nicht. Reiche oder Arme, Sieger oder Besiegte, das alles gilt mir nichts. Ich will weder Liebe noch Hass empfinden, weder Mitleid noch Wut.“

Leonhard Koppelmann, betraut mit der gewaltigen Regiearbeit des Hörspiels, hat auch bei der Führung der weiblichen Nebenrollen ein feines Gespür für Ironie und schrilles Geplänkel in Boudoirs, Kutschen und auf gepolsterten Kanapees bewiesen. Wunderbar lasziv-verführerisch Lou Strenger als die ewig angehimmelte Madame Marie Arnoux, Laura Maire als Rosanette eine zunächst schmachtende Verheißung für den Selbsttäuscher Frédéric, Maren Eggert als Madame Dambreuse zieht ebenfalls (aber viel zu spät) alle Register weiblicher Versprechungen. Kurz: Diese sehr speziellen, bald tragisch, bald grotesk überhöhten Kurtisanen, Ehefrauen, Grisetten und Liebedienerinnen bestechen durch Süffisanz und feine ironische Brechung im Sprechgestus – das ist sehr gelungen. In diesem Zusammenhang wirken auch die sanft eingeblendeten Hintergrundgespräche aus Salons und von üppigen Gelagen sehr lebendig, zumal sie in einem veritablen französischem Parlando zu entschlüsseln waren.

Über die eingeflochtenen Kompositionsstränge von Peter Kaizar – Bagatellen, schmückende Inventionen mit rhythmisierender Musique concrète und vieles mehr – lässt sich aus ganz unterschiedlicher Richtung debattieren. Nicht immer konnten die Einschübe und Illustrierungen überzeugen, zumal hier allzu oft breit und pastos aufgetragen wurde und so ein musikalisches Breitband in dichter Konkurrenz zum gesprochenen Wort der Erzählerin oder der sprechenden Akteure sich einschlich. Aber gut, darüber lässt sich streiten. (Die Hörspielproduktion „Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend“ erscheint am 19. Februar beim Hörbuchanbieter ‘Der Audio-Verlag’ auch als CD-Edition.)

29.01.2021 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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