Gustave Flaubert: Die Versuchung des heiligen Antonius (WDR 3/WDR 1Live)

Askese und Erlösung

23.01.2015 •

Mit einem flotten Editorial beginnt der Hörspielteil der Januar-Broschüre des WDR-Radios. Um Versuchung solle es gehen, also um das, was „der gute Stieg Larsson“ nach Verblendung, Verdammnis, Vergebung „nicht mehr geschafft“ habe. Da muss Abhilfe her, muss sich jemand gedacht haben. Dabei ist er oder sie – dank Bildung oder Wikipedia – auf einen der „Big Shots“ gestoßen, der über „Versuchung“ geschrieben hat. Und hat etwas entdeckt, was aus dem Kanon der „gültigen Literatur“ fast verschwunden ist: „Die Versuchung des heiligen Antonius“ von Gustave Flaubert.

Flaubert, der Schöpfer von „Madame Bovary“ (1857), wurde 1821 in Rouen geboren und war Zeit seines Lebens von Krankheit geschlagen und Verlusten verfolgt. Er starb 1880 in Canteleu (Normandie). Angeregt durch Byrons „Cain“ und Goethes „Faust“ hatte er sich schon sehr früh mit dem Thema der Versuchung beschäftigt. 1874 schließlich erfolgte die Veröffentlichung der „Versuchung des heiligen Antonius“ in endgültiger Form in Paris. Keineswegs hymnisch wurde das Werk von seinem Verleger Goncourt begrüßt und es stieß auch bei zeitgenössischen Autoren bestenfalls auf Unverständnis. Stilistische Sicherheit und literarisches Können wurden jedoch von Anfang an gerühmt.

Fern – und vielleicht deshalb für den Bearbeiter faszinierend – ist der Stoff allemal, der auf die Anachoreten der thebäischen Wüste zurückgeht und sich durch die abendländische Kulturgeschichte schlängelt bis hin zu Breughel und Salvador Dalì, aber auch dem Komponisten Werner Egk („Abraxas“, 1948). „Wunderlich“ möchte man den Stoff und die Stoffwahl nennen, im schwarzdunklen Sinn der „Winterreise“ von Schubert.

Im Gegensatz zum Ton des WDR-Editorials ist „La Tentation de saint Antoine“ Ausdruck von Peinigung und Erniedrigung, von Entsagung und Gottsuche. Und diesem Kern des Stücks, das eigentlich ein dialogisch gegliedertes Langzeitgedicht ist, hat sich Jörg Diernberger in seiner eigenen Version durchaus mit künstlerischer Ernsthaftigkeit genähert. Das Programmschema der bei WDR 3 und einen Tag später auch bei der WDR-Jugendwelle 1Live gesendeten Produktion zwingt den Bearbeiter und Übersetzer Diernberger, der auch Regie geführt hat, zu großer Konzentration – das Ganze muss ins Stunden-Raster passen. Dennoch gelingt es ihm, der Chronologie des in zwölf Episoden gegliederten Originals folgend, die Struktur des Werkes aufzugreifen und forcierte Modernismen weitgehend zu vermeiden. Zwar kann es dem Übersetzer unterlaufen, dass es bei den „Götzen aller Nationen […] in den Gelenken kracht“ und Antonius und sein Freund Hilarion „sich krümmen vor Lachen“ und dabei, sozusagen, die Sprache in den Gelenken kracht – aber insgesamt hat diese Version doch einen Duktus gefunden, mit dem all die Versuchungen, die Schwülstigkeiten und die Wollust, die Wonnen der Flagellation („Schmerz, diese Lust“) und die Süchte der Askese zum Ausdruck kommen.

Gunnar Geisse, der unter anderem auch Michael Lentz in dessen Hörspiel „Hiddensea“ (BR; vgl. FK 48/13) als Komponist unterstützt hatte, schafft eine gleichermaßen intellektuelle wie musikalische Struktur, die es dem Hörer ermöglicht, sich trotz der häufig unerwarteten Wechsel der Szenerie und der Personen im Ablauf des Geschehens zu orientieren. Den Hörern mag der Sound, das Timbre vieler Schauspieler, die hier beteiligt sind, geläufig sein, da sie oft in Hörbüchern oder auch als Synchronsprecher von Fantasyfilmen eingesetzt werden und somit zweifellos ihr eigenes Publikum haben. Mit den – teils mehrfach besetzten – „Rollen“ mühen die Akteure sich gelegentlich jedoch weidlich ab. Vor allem die Frauenpartien, die hier ohnehin thematisch bedingt auf eher „verlorenem Posten“ stehen, verlegen sich auf Raunen, Girren und Sirren, womit Verführungskünste nur unzureichend ausgedrückt werden.

Solche Details trüben jedoch die Produktion insgesamt nur unwesentlich. Es bleibt der Eindruck einer bemerkenswerten radiophonen Umsetzung mit filmisch anmutenden Mitteln, die Bilderinnerungen an Hieronymus Bosch, Salvador Dalì, aber auch Max Ernst evozieren können. Sie kreiert die Apotheose eines Lebens auf der Suche nach Askese und Erlösung, das dabei durch alle Höllen geht, jedoch in Sanftmut und Demut endet: „Le jour enfin paraît“, schließt Flaubert seinen Text, „Antoine fait le signe de la croix et se remet en prières.“ Diernbergers Version, die nicht primär einen religiösen Impetus verfolgt, endet nahezu analog zum Original: „Endlich wird es Tag […] und Antonius nimmt seine Gebete wieder auf.“

23.01.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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