Guido Morselli: Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit (NDR Kultur)

Eine Wiederentdeckung

28.10.2021 •

„Und plötzlich war da kein Mensch mehr, nirgends, und still lagen Stadt und Land.“ Diese Zeile in der „Neuen Zürcher Zeitung“ unter einem Bild, das von der Fotoagentur „Magnum“ stammt, trifft genau den Ton, der den von Guido Morselli 1973 geschriebenen Roman „Dissipatio humani generis“ (auch: „Dissipatio H.G.“) von Anfang bis Ende durchzieht. Sie drückt auch aus, was der Titel impliziert. „Dissipatio“ ist ein vielschichtiger Begriff und lässt sich sowohl als völlige Zersplitterung wie auch als Auflösung, totales Auslöschen übersetzen. Das Auslöschen der Spezies Mensch ist es also, was den Autor nur kurz vor seinem Selbstmord beschäftigt hat.

Das Thema „Der letzte Mensch“, lange schon ein literarischer Topos, hat Autoren besonders in den siebziger Jahren bewegt (Max Frisch etwa in seinem Roman „Der Mensch erscheint im Holozän“, 1979) und so auch den italienischen Schriftsteller Guido Morselli. Der Sohn eines vermögenden Pharmafabrikanten und Mussolini-Anhängers wurde 1912 in Bologna geboren, lebte viele Jahre in Mailand und zog sich dann auf ein Landhaus seiner Eltern bei Varese zurück. Dort setzte er am 31. Juli 1973 seinem Leben durch Kopfschuss ein Ende. Vorausgegangen waren als schwere Demütigung empfundene Absagen sämtlicher Verlage, die der promovierte Jurist kontaktiert hatte. Nichts von ihm wurde publiziert, nicht eine Zeile. Dies und vermutlich eine suizidale Disposition trieben Morselli in den Tod. Nur wenige Zeit danach „entdeckte“ der renommierte Mailänder Verlag Adelphi den Autor und verschaffte Morelli posthum einen enormen Erfolg, der jedoch nicht lange anhielt.

Für jeden Dramaturgen, auch im Bereich Hörspiel und Radiokunst, ist es eine Freude – fast ein Triumph –, eine längst verschollen geglaubte Trouvaille aufzuspüren. In diesem Fall gelang es Michael Becker vom NDR, auf Anregung des Bearbeiters des Romans „Dissipatio humani generis“, einen solchen Fund zu heben: Michael Krüger, früherer Chef des Carl-Hanser-Verlags und seit seiner Pensionierung selbst wieder als Autor tätig, gab den Hinweis.

Krügers Funkbearbeitung ist durchweg bemüht, den zurückgenommenen, melancholischen Duktus des Originals zu erhalten. Insofern ist es auch zu begrüßen, dass die Adaption auf Dialogisierung verzichtet und dem Stilmittel des erzählerischen Monologs vertraut. Keine leichte Aufgabe für den Regisseur Henri Hüster, denn der Text ist aufgrund zahlreicher literarischer Anspielungen und Reflexionen über Pascal, Hegel und Durkheim sowie mehr oder weniger versteckten Allusionen keineswegs einfach zugänglich – der Leser hat es da leichter. Der in Italien 1977 aus Morsellis Nachlass veröffentlichte Roman erschien in der Übersetzung von Ragni Maria Gschwend auf Deutsch 1990 unter dem Titel „Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit“ im Insel-Verlag und jetzt im August 2021 noch einmal bei Suhrkamp.

Mit Thiemo Strutzenberger, einem noch jungen, aber schon mehrfach ausgezeichneten Bühnenschauspieler, wurde für das Hörspiel ein Interpret engagiert, dessen stimmlichem Flow man gerne zuhört. All den Erlebnissen und Reaktionen des Romanprotagonisten folgt er ohne theatralischen Gestus, klar und zurückhaltend. Gelegentlich blitzt Humor auf – etwa wenn es um das Melken einer Kuh geht. Denn das passt natürlich nicht in das Handlungsschema des Ich-Erzählers, eines Großstadt-Intellektuellen sui generis.

Der Titel mit dem Partikel „humani generis“ stamme, so der Erzähler, von dem antiken syrischen Philosophen Iamblichus, einem Neoplatoniker. Damit ist einerseits der weite Bildungshorizont Guido Morsellis belegt, andererseits kann daraus auch eine Neigung zu kleinen Nasführerereien gesehen werden. Der Autor lässt offen, ob dieser Philosoph tatsächlich existiert hat. „Se non è vero, è ben trovato“, sagt man in Italien, das heißt: „Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.“ Der Ich-Erzähler bleibt in der Interpretation der Regie von Henri Hüster in den beschreibenden Passagen absichtlich nahezu ausdruckslos. Allein die sprachliche Kraft des Originals in der vorzüglichen Übersetzung von Ragni Maria Gschwend soll wirken. Und tut es auch.

Gegen Ende jedoch, als sich der Erzähler wirklich klar ist über die Ausweglosigkeit seiner Situation, entwickelt Thiemo Strutzenberger eine enorme stimmliche Ausdruckskraft, um Gehetztheit und Verzweiflung, Einsamkeit und abgrundtiefe Angst ohne jede Übertreibung auszudrücken. Diese Kontrolle der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit ist bewundernswert. Unterstrichen wird sie durch die Geräuschkomposition, der die Regie hin und wieder Emotionalität gestattet. Dies auch in einem Moment der Erinnerung an eine verflossene, kärgliche und klägliche Liebe, der kein Glück beschieden war. Hier setzt Henri Hüster das berühmte und sehr bekannte Adagio von Tomaso Albinoni als Gefühlsbooster ein.

Als Fazit lässt sich feststellen: Die Adaption von „Dissipatio humani generis“ ist eine makellose Produktion geworden, der man einen breiten Hörerkreis wünscht. Das Stück ist im Online-Angebot des NDR weiterhin zum Anhören abrufbar.

28.10.2021 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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