Guido Graf/Peter Dittmer: Sowieso der Apparat erwürgt dem Zeit – Katastrophale Gespräche mit der Amme (WDR 3/WDR 1Live)

Einen kaputten Debakel voller Komik

23.12.2005 •

„Wie täuscht man Reden vor?“, fragt Birgit Kempker in Guido Grafs und Peter Dittmers Hörspiel „Sowieso dem Apparat erwürgt die Zeit“ die Amme. Eine berechtigte Frage, denn die Amme, mit der hier gesprochen wird, ist eine Maschine des Berliner Medienkünstlers Peter Dittmer (www.dieamme.de). Kommunizieren kann man mit ihr nur schriftlich über ein Terminal. Die Antworten sind entweder Texte, Töne oder Bilder, und wenn die Amme einen gewissen Erregungszustand erreicht hat, wirft sie ein Glas Milch um. Den Turing-Test kann diese Maschine naturgemäß nicht bestehen, schon eher ist sie eine Tochter von Josef Weizenbaums erstem Chatbot ELIZA aus dem Jahr 1966.

„Der Gestus der Amme ist latent feindlich“, sagt ihr Erfinder Peter Dittmer: „Sie ist auf halbem Weg zum schwierigen Feind, zum Widersacher vielleicht oder zumindest doch zur Kultivierung einer eigentlich dem Werkzeug nicht recht zuzubilligenden Philosophie der Handlungsarmut und Tätigkeitsabstinenz.“

Guido Graf hat die Autoren Birgit Kempker, Barbara Bongartz, Urs Allemann und den Sänger Andreas Dorau mit der Amme konfrontiert und es kommt, wie es kommen muss. Dittmer: „Um gegen die Zumutungen menschlicher Anrede zu bestehen, bedient sich die Amme aus dem reichhaltigen Arsenal effektiver Taktiken der Kommunikation bei niedrigem Kompetenzlevel: absichtliches Streuen von Missverständnissen und bedenkenloser Größenwahn im Interpretieren der eigenen Position.“

Erstaunlicherweise erweisen sich die Literaten gegenüber der Maschine als sehr kompetent, ja, manchmal hat man den Eindruck, dass Birgit Kempker die bessere Amme ist, weil sie deren Kommunikationsstrategien erfolgreich adaptiert und gegen sie wendet. Trotz der mehreren hunderttausend Anrede/Widerrede-Pakete, die die Amme seit 1992 in hemmungsloser Empirie gesammelt hat, ist ihr Sinn für Grammatik noch unterentwickelt. Deklinationen und Flexionen sind ihr Ding nicht, bis auf eine gewisse Vorliebe für den Dativ an passenden und weniger passenden Stellen.

In Thomas Wolfertz’ Inszenierung übernimmt Jürgen Thormann den Part der Amme, und seit Wolfgang Schenk 1968 Perecs Hörspiel „Die Maschine“ mit sehr menschlichen Sprechern inszenierte, weiß man, wie viel Komik die Maschinen erzeugen können, wenn man sie nur ernst genug nimmt. Anders aber als Perec, der seiner Maschine die Komik noch soufflieren musste, entwickelt die Amme sie aus sich heraus. Sie vermeidet nach Möglichkeit die sie legitimierende Funktion (die Milchausgabe), „ohne offensiv kaputt zu sein“, wenn sie auch manchmal damit droht: „Einen kaputten Debakel ist natürlich immer möglich.“

Die Kölner Elektroniker Mouse on Mars, die ihre Website mit ähnlich eigensinnigen Musik erzeugenden Maschinchen versehen haben, liefern den Soundtrack zu einem kapp 40-minütigen Hörspiel voller Komik, voller Überraschungen und mit einigen Antworten auf letzte Fragen, wie zum Beispiel: „Wo ist die Seele?“ – „In denen Metaphysiken innen.“

23.12.2005 – Jochen Meißner/FK

 

• Text aus Heft Nr. 51-52/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.12.2005 – FK

Print-Ausgabe 7/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `