Gisela von Wysocki: Das Denken ist selbst ein Leben – Wiesengrund antworten (HR 2 Kultur)

Hochspannendes Hörvergnügen

21.10.2018 • Die Suche nach außerirdischen Zivilisationen steht bestimmt nicht ganz oben auf der Tagesordnung der Raumfahrtbehörden. Aber trotzdem hält man, ob es in den USA bei der NASA sei, in Europa bei der ESA oder bei Weltraumbehörden in anderen Ländern, immer noch Ausschau, ob vielleicht entsprechende Signale aus dem All zu empfangen sind. Nicht, dass einem am Ende noch der mögliche Erstkontakt mit einer neuen Spezies entgeht…

Von einer anderen Spielart des Erstkontakts mit einem unbekannten Wesen handelt Gisela von Wysockis Hörspiel „Das Denken ist selbst ein Leben – Wiesengrund antworten“, das auf dem von der Autorin stammenden Roman „Wiesengrund“ basiert. Mit Hilfe eines kleinen Radios stößt Hanna Werbezirk, Tochter eines Astronomen, als Schülerin nächtens auf die Stimme des berühmten Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno (der 1903 als Theodor Ludwig Wiesengrund geboren wurde). Seinen Vorträgen lauscht sie ab da regelmäßig – unter der Bettdecke, damit die vom am Teleskop hängenden Vater verhängte absolute Nachtruhe nicht gestört wird.

Diese im Salzburger Elternhaus spielende Schlüsselszene schildert die von Sophie Rois gesprochene Hanna ziemlich zu Beginn des Stücks. Es ist ein Rückblick, denn zum Zeitpunkt der Erzählung befindet sich Hanna bereits als Studentin in Frankfurt am Main, wo sie die Vorlesungen und Sprechstunden des von ihr nur Wiesengrund genannten Professors besucht. Im weiteren Verlauf des Stücks geht es um Hannas schrittweise erfolgende persönliche Annäherung an den Meisterdenker, um ihre Lebensverhältnisse in einer Frankfurter Pension und um ihre Schwierigkeiten, auf eine von Wiesengrund an sie gerichtete Alltagsfrage zu antworten: „Wie geht es Ihnen?“

In dem Hörspiel gibt es zwar auch szenische Abschnitte, in denen die Mitbewohner von Hanna Werbezirk eine eigene Stimme bekommen; es überwiegen aber die Erzählpassagen, in denen Hanna ein rasantes Tempo vorlegt. Der Adressat ihres Redens ist Wiesengrund. Es sind unausgesprochene Formulierungen, geschöpft aus einem nicht abbrechen wollenden Bewusstseinsstrom, und manchmal muten sie an wie ein langer Briefentwurf. Dieses anscheinend hermetisch im Kopf der Hauptfigur abgeriegelte Erzählen, lässt an den Titel des Hörspiels denken: „Das Denken ist selbst ein Leben“ – ein Zitat des Philosophen und Soziologen Georg Simmel (1858 bis 1918).

Dass es sich bei dem Stück um ein hochspannendes Hörvergnügen handelt, hat mehrere Gründe. Neben der umwerfenden Hauptbesetzung glänzen auch die Nebenfiguren durch Lebendigkeit. Allen voran ist die Leistung von Patrick Güldenberg zu erwähnen, der den musikliebenden Asthmatiker Erwin Rahlsberger spricht, von dem die ganze Nachbarschaft via Grammophon mit Musik von Mahler versorgt wird. In weiteren Rollen sind Barbara Nüsse, Astrid Meyerfeldt, Wolfgang Pregler und Andrea Dewell zu hören.

Die selbstironische Darstellung des von Hanna betriebenen Personenkults um Wiesengrund überzeugt ebenfalls, und zwar indem trotz aller sich übertragenden Begeisterung immer ein gewisser Anteil kamerahafter Objektivität vermittelt wird. Und besonders fasziniert an dem Hörspiel die soziologische Souveränität, mit der Hanna in Gedanken ihre Umgebung seziert.

Die in Berlin lebende Essayistin, Theater- und Hörspielautorin Gisela von Wysocki hat tatsächlich selbst bei Adorno studiert und promoviert, hält die Geschichte des Stücks aber frei von undurchdringlich scheinenden Schachtelsätzen à la Adorno. Stattdessen setzt sie auf eine wunderbar flotte Erzählweise, die einen beim Hören dieser vom Hessischen Rundfunk (HR) produzierten Radioarbeit niemals müde werden lässt. Und trotzdem ist das Stück so vielschichtig, dass man es mehrfach hören kann.

Regisseur Ulrich Lampen hat mit seiner knapp anderthalbstündigen Radiofassung des 2016 im Suhrkamp-Verlag erschienenen Romans den Beweis angetreten, dass es ein deutlich besseres Konzept ist, die Aufmerksamkeitsspanne beim Publikum durch mitreißende Inhalte und Erzähltechniken zu erweitern, statt unbedingt auf Schnipselproduktionen zu setzen, weil die angeblich leicht und bequem zu konsumieren sind.

21.10.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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