Gesine Danckwart/Fabian Kühlein: Echt? theblondproject (RBB Kultur)

Eine Runde durchs Blond

26.08.2020 •

Von der Bühne ins Radio: Diesen Weg haben viele Hörspiele hinter sich gebracht, so auch dieses mit dem Titel „Echt? theblondproject“. Die knapp einstündige Produktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg, die Mitte Juli im Programm RBB Kultur urgesendet wurde, hat ihren Ausgangspunkt in einer Kooperation zwischen dem Burgtheater Wien, der Deutschen Oper Berlin und dem Theaterkollektiv Chez Company. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden zwei verschiedene Stücke, die Ende 2019 in Wien und Anfang 2020 in Berlin auf der Bühne zu sehen waren und sich jeweils auf ihre Art mit Rollenzuschreibungen auseinandersetzen, die an die Haarfarbe Blond geknüpft sind.

Gesine Danckwart (Text/Regie) und Fabian Kühlein (Regie/Sound), beide Teil von Chez Company, haben nun zusammen also einen rein akustischen Parcours durch die Welt der ‘echten’ und ‘falschen Blondinen’ zusammengestellt. Das ist zwar ein gewagtes Unterfangen, da man im Radio Haarfarben nicht sehen kann und Show-Elemente wie ein bunter Perückenreigen zwangsläufig wegfallen; aber der Ansatz, Vorurteilen, die sich an Äußerlichkeiten festmachen, auch auf der akustischen Ebene etwas entgegenzusetzen, ist durchaus reizvoll. Denn es ist schließlich die Sprache, die die menschliche Weltwahrnehmung maßgeblich mitbestimmt – und da liegt unbestreitbar manches im Argen. Problematisiert wird in dem Hörspiel unter anderem die bereits im Begriff „Blondine“ aufscheinende Kopplung von Haarfarbe und Identität – Grundlage für ein gesamtes Genre von meist zweifelhaften Witzen.

Beim Text wechseln sich überwiegend drei Sprecherinnen ab, neben Gesine Danckwart, der Regisseurin und Autorin des Stücks, sind dies die beiden Schauspielerinnen Anne Ratte-Polle und Judith Rosmair. Dazu stößt gelegentlich als Chor die „Liedertafel Bianca Castafiore“. Und wie ist das Stück aufgebaut? Ziemlich zu Beginn des Hörspiels heißt es in einer direkten Publikumsansprache: „Wir laden Sie ein, kommen Sie, wir flanieren eine Runde durchs Blond und was das mit allem zu tun hat.“ Das ist ein Hinweis darauf, dass es hier mitunter sehr anekdotenhaft zugeht und es keine durchgängige Handlung gibt.

Das Stück nimmt unterschiedliche Perspektiven ein, die sich mit dem Selbstverständnis blonder Frauen über 40 beschäftigen. Färbt man sich den Haaransatz extra dunkel, um nicht den Eindruck zu erwecken man sei ‘naturblond’? Oder soll man doch lieber offensiv komplett durchfärben, etwa mit einem neongrellen Platinblond? Abgesehen von solchen Stil- und Identitätsfragen geht es auch um die mediale Darstellung blonder Frauen, was an einer Stelle zum Beispiel mit einer Folge von Bildbeschreibungen umgesetzt wird, deren Grundlage im abendlichen Zappen durch private Fernsehprogramme ihren Ursprung zu haben scheint.

Ganz allgemein geht es außerdem um die ambivalenten Fortschritte des Feminismus. Denn der ist heutzutage zwar allenthalben Thema und die gesellschaftlichen Bereiche, in denen eine Frauenquote eingeführt wird, werden über die Jahre immer mehr; gleichzeitig ist Feminismus werbetechnisch gesehen aber auch schon regelrecht zu einem Claim geworden, mit dem sich ordentlich Kasse machen lässt – von der Unterhaltungs- bis zur Bekleidungsindustrie. So heißt es im Stück: „Und etwas später wird sogar James Bond feministisch aufgepeppt. / Noch feministischer / Wir brauchen Autorinnen – ganz schnell / Es gibt diesen verdammten feministischen Verkaufserfolg / Schnell, das ist ein neuer Markt, wo man mitmuss. / Der Markt ist zum Glück riesig. / Chears.“

Es sind diese Momente, in denen die Kritik an den bestehenden Verhältnissen zielsicher geführt wird. Sonst jedoch begnügt man sich in dem Hörspiel auch schon mal mit der Forderung nach einem Wechsel der Narrative, beispielsweise in den Soaps Operas im Fernsehen, wo die Liebesheldinnen in der Regel unter 30 sind.

Das ist dann auch ein Problem des Hörspiels selbst – ob hier Altersdiskriminierung und platte Vorurteile über Blondinen zur Kritik an einer weitgehend marktförmigen Welt führen oder ob sich das Stück mit einer Kritik an diesen Symptomen voll ausgelastet sieht, das wird nicht ganz klar. Auch fehlen Perspektiven, die nicht von verhältnismäßig privilegierten deutschen Frauen ausgehen, was wahrscheinlich die größte Schwachstelle des Stücks ist.

Trotzdem ist das Hörspiel voller Witz. Und die tragikomischen Passagen, die zum Lachen verführen und eine aufschlussreiche Sicht auf die immer noch patriarchal geprägte Gesellschaft eröffnen, sind nicht zu knapp bemessen. Das Stück hat einen fetzigen Gesamtsound, auch durch die Bruchstücke bekannter Popsongs von und über „Blondinen“. Auf jeden Fall eine deutliche Hörempfehlung.

26.08.2020 – Rafik Will/MK

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