Gesche Piening: Heute mit beschränkter Haftung? Keine Gesellschaft ohne Zukunft (Bayern 2)

Marktgerecht statt zukunftsorientiert

24.10.2017 • Man kann sich über viele Dinge beschweren, aber sicher nicht über einen Mangel an literarischen oder filmischen Dystopien. Sie handeln von Robotern und Cyborgs, die sich gegen ihre menschlichen Erschaffer auflehnen, von Zombie-Seuchen, die sprachlose, kannibalische Fressmaschinen produzieren oder von künstlicher Intelligenz, die nach Weltherrschaft strebt. Und auch in der realen Welt haben Dystopien gerade Hochkonjunktur: Die Zunahme extremer Wetterereignisse, ein existenzbedrohender Ressourcenmangel oder gar ein Atomkrieg sind Schreckensszenarien, von denen man oft hört. Dementsprechend eröffnet auch Gesche Pienings 55-minütiges Hörfunkstück „Heute mit beschränkter Haftung? Keine Gesellschaft ohne Zukunft“, das man sowohl inhaltlich als auch von der eingenommenen Perspektive her als ‘Zukunftsfeature’ bezeichnen könnte, zunächst mit der Betrachtung von Dystopien und deren Ursachen.

Als Experte kommt dazu unter anderem der Autor und Journalist Raul Zelik zu Wort. Er sieht die Gründe für den nicht unberechtigten Zukunftspessimismus in den heutigen Handlungsweisen, die marktgerecht sind statt zukunftsorientiert. Um Nachhaltigkeit zum wesentlichen Aspekt bei individuellen und gesellschaftlichen Entscheidungen zu machen, empfiehlt später der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie, sich die rückblickende Perspektive des Futurs II zu eigen zu machen.

Eine derartige ‘Stimme aus der Zukunft’ findet man passenderweise auch im Feature selbst. Sie repräsentiert kommende Generationen und vermittelt dem Hörer deren mögliche Meinungen zu unserer heutigen Gesellschaft, die (zunächst) nicht positiv ausfallen. Stellvertretend für die Gegenwart stehen zwei Erzählerstimmen, die kurze Dialoge über die Beschwerlichkeit von Veränderungen führen.

Zu dieser fiktionalen Rahmenebene passt auch das, was wie O-Töne aus Passantenbefragungen klingt. Kaum eine der Personen sieht einen Sinn im persönlichen Verzicht auf ressourcenfressende Annehmlichkeiten wie beispielsweise das Nutzen von Autos. Wenn sie doch auf etwas verzichten, wird die fehlende gesellschaftliche Auswirkung solcher individueller Entscheidungen beklagt.

Damit leitet das Feature direkt zu seinem zweiten Teil über, der sich mit Utopien beschäftigt. Im Mittelpunkt steht hier die Frage, ob an Utopien tatsächlich, im Gegensatz zu Dystopien, ein Mangel besteht oder ob es dafür schlichtweg keine Nachfrage gibt. Denn, so macht das Stück auf allen Ebenen deutlich, Utopien praktisch umzusetzen, das ist nicht nur für den Einzelnen anstrengend, sondern setzt eine gesamtgesellschaftliche Koordinierung voraus. Abgesehen davon also, dass der Weg hin zu einer Utopie nicht einfach ist, ergibt sich aber die Frage, wie denn eine solche Utopie konkret aussehen sollte.

Antworten darauf gibt das Feature nicht direkt. Die moralisch wertende ‘Stimme aus der Zukunft’ sieht unsere heutige Gesellschaft plötzlich im positiven Rückblick. Auch die zwei Erzählerstimmen nehmen nun die Zukunftsperspektive ein und erinnern sich an all die unnötigen Reisen und Konsumgegenstände, die vor dem nicht näher bezeichneten gesellschaftlichen Wandel ihr Leben bestimmt haben. Im diesem dritten Teil nimmt das Feature damit stark appellative Züge an. Gesellschaftlicher und individueller Wandel sind, so das Fazit, unverzichtbar. Der Fokus liegt dabei auf Nachhaltigkeit und Konsumverzicht.

Sehr lustig ist die Ebene der fiktiven Figuren, wenn sie das präsentierte Text- und O-Ton-Material zwischendurch immer wieder mit mantraartig vorgetragenen gegensätzlichen Positionen kommentieren. Etwa: „Ich engagier’ mich, ich engagier’ mich nicht.“ Oder „Das ist naiv, das ist nicht naiv.“ Damit blickt Gesche Piening ein wenig augenzwinkernd auf die Erfolgsaussichten ihrer Überlegungen.

Auch wenn die Autorin in Sachen Utopien selten konkret wird, ist „Heute mit beschränkter Haftung?“, das der Bayerische Rundfunk (BR) in seinem Programm Bayern 2 ausstrahlte, ein sehr einnehmendes Feature mit einem deutlich erkennbaren Standpunkt. Und es ist sehr kunstvoll gemacht. Das liegt nicht nur an der gelungenen Verflechtung erdachter und gesammelter Texte oder an der feinen Balance aus Pathos und Ironie, sondern auch an der sehr retrofuturistisch anmutenden Musik, die manchmal klingt wie das Intro zu einem alten Song der Elektropop-Band Kraftwerk. Die Musik von Manuela Rzytki und einige der Texte des Hörfunkfeatures entstanden im Rahmen von Gesche Pienings Theaterinstallation „Wer wollen wir gewesen sein?“, die am 15. September im Staatstheater Darmstadt Premiere hatte und dort am 26. Oktober und am 12. und 17. November erneut aufgeführt wird. Dramaturgin bei der Inszenierung am Theater ist Katja Huber, die auch bei dem Bayern-2-Feature „Heute mit beschränkter Haftung?“ die redaktionell Verantwortliche war. (Das Manuskript der Sendung, die in der Themenreihe „Nach uns die Zukunft“ lief, findet sich auf der Bayern-2-Website.)

24.10.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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