Gesche Piening: Einsam stirbt öfter. Ein Requiem (Bayern 2)

Parabeln der Einsamkeit

14.07.2020 •

Gesche Piening, Jahrgang 1978, hat ihren Namen als Regisseurin, Autorin, Radiomacherin und Kunstproduzentin in Theaterhäusern und auf Festivals fest etablieren können, 2016 wurde sie mit dem Ödön-von-Horváth-Förderpreis für ihr bisheriges Werk ausgezeichnet. Für den Bayerischen Rundfunk (BR) erarbeitete die Münchner Autorin etliche sozialkritische Features, darunter „Besser ist nicht genug – Leben in der atemlosen Gesellschaft“ (2015), „Mein Schneck ist mir Bedürfnis“ (2016) und „Heute mit beschränkter Haftung? Keine Gesellschaft ohne Zukunft“ (vgl. MK-Kritik).

Angeregt durch die sozialkritisch-feministische Forschungsarbeit von Francis Seeck, die 2017 unter dem Titel „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ (Edition Assemblage) veröffentlicht wurde, untersuchte Gesche Piening ihrerseits für längere Zeit die Bestattungsabläufe von vereinsamten, isolierten und stigmatisierten Mitbürgern, für die am Ende nur noch eine Bestattung „von Amts wegen“ (dann fast immer ohne Angehörige oder Freunde) auf den Friedhöfen unserer Großstädte und Kommunen bleibt. In Berlin werden nach Francis Seeck jährlich 2000 bis 2500 Menschen im Auftrag der Gesundheits- und Ordnungsämter gewissermaßen anonym bestattet.

Für München hat Gesche Piening rund 600 im Auftrag des Staates und der Kommune erfolgte Bestattungen ermitteln müssen. Menschen, die zu Lebzeiten oft als Obdachlose, Kranke oder unerkannte Außenseiter ein kärgliches Leben am Rande der Gesellschaft fristeten und aus gesetzlicher Sicht „keine bestattungspflichtigen Angehörigen“ mehr aufweisen können. Aus dieser Beschäftigung mit dem einsamen Sterben am Rande der Gesellschaft erarbeitete Gesche Piening dann das Feature „Der Tod unterscheidet nicht. Wir schon – Bestattungen von Amts wegen in der Großstadt“, das im November des vergangenen Jahres im BR-Programm Bayern 2 ausgestrahlt wurde, eine Radioarbeit, die nicht zuletzt durch ihre Fülle an O-Tönen und Einspielungen aus Kirchen, Amtsstuben und originalen Lebensräumen zu bestechen vermochte (vgl. MK-Kritik).

Dank ihrer Recherchen und Gespräche über das Sterben in Deutschland und nach der Ausstrahlung des genannten Features hat die Autorin sich weiter mit dem beklemmenden Thema beschäftigt und daraus ihr Debüt-Hörspiel „Einsam stirbt öfter. Ein Requiem“ (Redaktion/BR: Katja Huber) in neuer und freier Gestaltung erarbeitet. Irritieren mochte da vielleicht nur der Hinweis auf die Gattungsbezeichnung „Requiem“, da die beispielgebenden Schicksale der in dem Stück Erwähnten und einsam Verstorbenen im Allgemeinen sicher eher Kirchenferne als deren Weiheraum zu Lebzeiten wünschten. Gelungen ist die Exposition ins Thema durch chorisches Sprechen (im Hörspiel nur ganz selten zu hören!) wie auch das monologische Bekenntnis „eines Toten“, der nüchtern bekennt: „Meine Sache ist gelaufen. Jetzt sind die andern dran. Ich werd’ nie wieder müssen müssen.“

Gesche Piening, die bei ihrem ersten Hörspiel auch die Regie übernommen hat, lässt in kleinen Parabeln der Einsamkeit Erinnerungsspuren aufleuchten, die dem Hörer die biografischen Ausgrenzungen und Verletzungen plastisch vor Ohren führen. Sie alle, diese von „Amts wegen“ einsam Bestatteten, sind Ausgegrenzte und Übersehene. Insofern wird hier nicht nur der Toten gedacht, sondern es hebt auch eine stille Klage gegen eine Gesellschaft an, die die Anonymität gesellschaftsfähig gemacht hat. Wunderbar sind im Stück die rhythmisch eingeblendeten Kurzszenen und Kommunikationsbrüche und Redundanzen in Flurgesprächen – Spiegel fatalster Vereinsamung!

Dass in dem rund 55-minütigen Hörspiel die Biografien und Expertengespräche von Schauspielern nachgesprochen wurden (unter anderem Stephan Bissmeier, Peter Fricke, Ercan Karacayli, Katja Bürkle, Sylvana Krappatsch und Johannes Silberschneider), geht natürlich in Ordnung und ist legitim. Die Wucht des Originaltons, wie er im thematisch vergleichbaren Feature vom November 2019 zupackend zu vernehmen war, die wurde durch die „Rollenübertragung“ natürlich eingebüßt.

In einem Gespräch mit der Kulturpublikation „Münchner Feuilleton“ bekannte die Autorin, dass sie früher vom Ablauf der traditionellen Beerdigungen befremdet gewesen sei. Das habe sich inzwischen durch ihre Arbeit aber geändert. „Heute denke ich: Was für ein Glück, dass es gemeinsame Rituale, Rückhalt durch gemeinsames Trauern gibt.“ Für kommenden Herbst plant Gesche Piening eine Bühneneinrichtung zum Thema Sterben. Die Zuschauer sollen bei der Installation mit den Biografien sozial isolierter Menschen direkt konfrontiert werden.

14.07.2020 – Christian Hörburger/MK

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