Gesche Piening: Der Tod unterscheidet nicht. Wir schon – Bestattungen von Amts wegen in der Großstadt. Feature (Bayern 2)

Kostendruck am Urnenfeld

14.11.2019 •

Zu Beginn des Trauermonats November mit seinen vielen Gedenktagen für die Toten strahlte das Programm Bayern 2 ein thematisch in diesen Zeitraum passendes Feature aus. Das Stück „Der Tod unterscheidet nicht. Wir schon“ von Autorin Gesche Piening beschäftigte sich, wie im Untertitel „Bestattungen von Amts wegen in der Großstadt“ anklingt, mit Beisetzungen ohne Trauernde in der bayerischen Landeshauptstadt München.

Die öffentliche Hand richtet immer dann eine Beerdigung aus, wenn bei einer verstorbenen Person keine bestattungspflichtigen Verwandten ausfindig gemacht werden können oder diese sich weigern, eine Beerdigung auszurichten. Wie das Vorgehen in solchen Fällen aussieht, welche Umstände zur sozialen Isolation der Betroffenen geführt haben könnten und wie sich ‘normale’ Mitglieder der Gesellschaft von solchen Schicksalen abzugrenzen versuchen, mit diesen Fragen beschäftigt sich das Feature. Die Recherchen, die Gesche Piening für das Stück angestellt hat, werden im kommenden Jahr auch in ein Theaterprojekt einfließen.

Sehr begrüßenswert an dem vorliegenden Feature ist, dass es sich einem zwar nicht unbedingt mehr tabubehafteten, aber doch selten und ungern aufgegriffenen Gegenstand widmet und zu dieser Thematik Informationen liefert. So erfährt man als Zuhörer des knapp einstündigen Stücks etwa: „Wie Bestattungen von Amts wegen gestaltet werden, ist kommunal sehr unterschiedlich. Der Kostendruck aber ist überall hoch, handelt es sich doch um öffentliche Gelder, über die Rechenschaft abgelegt werden muss. Und so gibt es bundesweit viele kostengünstige Varianten: von gänzlich unwürdigen Sammelbestattungen im Minutentakt im anonymen Urnenfeld zu Discounterpreisen bis hin zu schlichten, einigermaßen pietätvollen, schmucklosen Erdbestattungen auf Sozialbestattungsniveau. Jede Kommune entscheidet selbst.“

Etwa 1400 Mal wurde eine Bestattung von Amts wegen vergangenes Jahr in München geprüft. In solchen Fällen treten die sogenannten Sterbeermittler der Polizei in Erscheinung und versuchen, zu den Verstorbenen Angehörige zu finden. In nicht wenigen Fällen gelingt dies nicht. So finden in München pro Jahr rund 600 amtlich besorgte Bestattungen statt. Hier wird insoweit auch Rücksicht genommen auf persönliche Wünsche der Verstorbenen, als etwa ein zu Lebzeiten schriftlich verfügtes Ausschließen einer Feuerbestattung auch tatsächlich eingehalten wird.

Nicht nur das Vorgehen bei der Beerdigung selbst kommt im Feature zur Sprache, sondern die Autorin geht auch auf Schicksale Verstorbener ein, die von Amts wegen bestattet wurden. Oft werden die Toten zeitverzögert aufgefunden, da sie ihr Leben isoliert und ohne feste Außenkontakte verbracht haben. Auch die Ursachen für diese Vereinzelung bleiben nicht außen vor: Ein sehr hohes Alter, in dem alle Angehörigen und Freunde überlebt worden sind, Obdachlosigkeit oder psychische Krankheiten sind einige davon.

Das im Titel „Der Tod unterscheidet nicht. Wir schon“ aufscheinende Personalpronomen „Wir“ schließt den Hörer mit ein und veranlasst ihn möglicherweise, über die Ausgrenzung von Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich noch im Tod fortzusetzen scheint, nachzudenken. Das „Wir“ meint aber auch alle denkenden und wahrnehmenden Menschen in ihrer unterschiedlichen Individualität und kontrastiert damit den abstrakten Tod, der unterschiedslos alle ereilt. Insgesamt ist das Stück gefühlvoll gemacht. Dadurch, dass sich auch die Autorin aus dem „Wir“ nicht ausklammert, hat es zudem eine selbstreflektierende Note, die in kurzen repetitiven Monologen und Dialogen fiktionaler Figuren zum Tragen kommt. Sie fungieren als zweite Ebene des Stücks und beziehen sich auf die O-Töne von Friedhofsaufsehern, Hausverwaltern und Gerichtsmedizinern.

Manchmal hat das Feature aber auch makabre Untertöne. Wenn etwa ein 81-jähriger Straßenzeitungsverkäufer dem Trägerverein seiner Zeitung die eines Tages anstehende Beerdigung anvertraut, dann fällt es schwer, darin wirklich ein ‘Happy-End’ zu sehen. Auf der anderen Seite könnte man dies auch als eine implizite Forderung nach noch mehr Inklusion benachteiligter Gruppen betrachten – was dann auch eher dem zugleich besinnlichen und gesellschaftskritischen Stil des Stücks entspräche.

14.11.2019 – Rafik Will/MK