George Orwell: 1984. 4-teiliges Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman des Autors, Funkbearbeitung: Klaus Buhlert (Bayern 2)

Der letzte Mensch

03.12.2021 •

Seit Beginn dieses Jahres sind die Urheberrechte für „1984“, George Orwells bekanntesten Roman neben „Farm der Tiere“, ausgelaufen. Seitdem konkurrieren gleich mehrere Neuübersetzungen um die Lesergunst. Für die größte Innovation sorgte sicherlich Frank Heibert, der für den S. Fischer Verlag Orwells düstere Zukunftsvision ins Präsens transformierte. Hörspielregisseur Klaus Buhlert hat jedoch all diese neuen Übertragungen für seine vierteilige Adaption im Auftrag von Bayerischem Rundfunk (BR) und als Koproduzent Deutschlandfunk Kultur links liegen gelassen und sich an die alte Übersetzung von Michael Walter gehalten. Grund hierfür war wohl vor allem Buhlerts Anspruch, den Klassiker mit akustischen Mitteln „vom Image des angestaubten Schulbuchs“ zu befreien, wie er gegenüber der BR-Chefdramaturgin Katarina Agatos im Interview formulierte. Was aber eignet sich besser zum Entstauben als eine alte Standardübersetzung, in der es noch eine „Diktiermuschel“ gibt?

Im selben Gespräch bescheinigte Buhlert dem 1950 gestorbenen britischen Autor einen „politisch-visionären Blick in die Zukunft“. Mit dieser Ansicht über Orwells Vermächtnis steht der Musiker, Komponist und Hörspielregisseur, der sich über Jahrzehnte den Status eines unerschrockenen Spezialisten für die literarischen Achttausender von Herman Melvilles „Moby Dick“ (vgl. FK-Heft Nr. 51/02) über „Ulysses“ von James Joyce (vgl. FK-Heft Nr. 23/12) bis zu Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“ (vgl. MK-Artikel) erarbeitet hat und dafür vielfach preisgekrönt wurde, natürlich nicht alleine. Schon längst steht der Name Orwell für die Gefahren von Unterdrückung, Geschichtsklitterung und Überwachung. Im Englischen gibt es dafür sogar das Adjektiv „Orwellian“. Ebenso sinnbildlich sind die Neologismen geworden, die in der erstmals 1949 erschienenen Dystopie verwendet werden, um das Leben im totalitären Überwachungsstaat Ozeanien zu beschreiben: „Big Brother“, „Neusprech“, „Doppeldenk“.

Heute ist man angesichts der Enthüllungen von Edward Snowden, Fake News der Trump-Ära und der Datensammelwut von Facebook & Co. schnell mit Orwellschen Begriffen bei der Hand. Dabei wird jedoch immer wieder der Kontext der Vorlage außer Acht gelassen. Weder befinden wir uns in einem permanenten Kriegszustand noch leben wir in einer Parteiendiktatur Stalinscher Prägung, die Orwell im Sinn hatte, als er „1984“ schrieb. Im Roman kann letztlich niemand der staatlichen Überwachung entrinnen. Wir jedoch holen uns die Kontrolle durch multinationale Konzerne mittlerweile aus freien Stücken ins Haus. Es ist also Vorsicht geboten, wenn man versucht, die Gegenwart mit Orwells Vision abzugleichen oder gar gleichzusetzen.

Auch wenn Klaus Buhlert dem Briten einen politisch-visionären Blick attestiert, begeht er nicht den Fehler, „1984“ als schlichte Parabel auf die Welt im Jahr 2021 zu inszenieren. Zwar klingt die Musik, die er für das über vier Stunden lange Hörspiel komponiert und mit seiner „Another Plus Band“ eingespielt hat, vertraut – es gibt vorwärtstreibende Beats, düstere Gitarren, wehmütiges Geigenspiel, ein ziemlich lässiges Schlagzeug, Sprechgesang –, doch da hinein mischt sich auch eine falsettartige Opernstimme, die das Gehörte maximal konter­kariert und einen irritiert fragen lässt, wo man sich hier eigentlich befindet.

Genauso sorgt die Geräuschebene für Irritation. Die Fanfarenstöße, die die Parteimeldungen aus dem „Teleschirm“ ankündigen, wecken Assoziationen an die „Wochenschau“-Berichte der Nazis. Die oftmals verzerrten Stimmen wiederum erinnern an den Charme früher Science-Fiction-Filme. Und das immer wieder in die Handlung montierte, stakkatohafte Brüllen der drei Parteiparolen – „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“, „Unwissenheit ist Stärke“ – ruft den Chor des antiken Theaters auf. Die Verwirrung, die Buhlert damit akustisch stiftet, ist gewollt. Über Raum und Zeit hinweg schärft er so unser Ohr für Manipulationen aller Art. Nicht zufällig liegt unter den Tonspuren der Sprecher über weite Strecken ein elektronisches Knirschen und Mahlen – Sand im Getriebe. Im bereits erwähnten BR-Interview bringt der Regisseur es auf den Punkt: „Unser Ohr – ich kann diese Erfahrung nur weitergeben – ist eben ein ausgezeichneter Lügendetektor!“ Buhlert, daran sei erinnert, floh 1972 aus der DDR.

Die herrschende Diktatur Ozeanien produziert vereiste Menschen, falls sie nicht gleich mordet, und sieht in der Liebe die größte Gefahr für ihre Herrschaft. Wer liebt, ist ein Individuum, das noch selbständig denkt und fühlt. Im Roman verliebt sich die Hauptfigur Winston Smith in die lebenshungrige Julia. „1984“ ist auch eine Liebes- und Verratsgeschichte in Zeiten des Totalitarismus. Vor allem hier bei Buhlert, der die Rolle der Julia erheblich aufgewertet hat, indem er sie nach ihrer Festnahme durch die „Gedankenpolizei“ nicht einfach aus der Geschichte verschwinden lässt. Bei ihm lebt sie als Projektionsfigur weiter, die Winston in seinen Träumen erscheint und die von Elisa Plüss sehr frech und vor allem sehr erotisch gesprochen und gesungen wird.

Die anderen Sprecher haben fast alle auch in „Die Enden der Parabel“, Buhlerts letzter Hörspiel-Großproduktion, mitgewirkt: Jens Harzer, Felix Goeser, Bibiana Beglau, Wolfram Koch, Franz Pätzold. Letzterer gibt erneut den Erzähler, zwischen Gelassenheit, Gereiztheit und Gehässigkeit pendelnd. Felix Goeser spricht Winston aufrichtig (ver)zweifelnd und liebend, bis er von der Partei „vollkommen“ gemacht wird und jeden Widerstand aufgibt. Was nichts anderes als Elektroschocks und Gehirnwäsche bedeutet.

Das Hörspiel, dem man mitunter die Strapazen der vorhergegangen „Pynchon“-Mammutproduktion noch anzuhören meint, stellt drei Schwerpunkte heraus, verdichtet sie jeweils zu abgründigen Kammerspielen. Abgesehen von der knisternden Intimität zwischen Winston und Julia gibt es zu Beginn eine Kantinenszene, die uns die ganze Niedertracht der neuen Sprachdiktatur vor dem Hintergrund von waberndem Kohlgeruch vorführt. Schließlich beherrschen Verhör und Folter von Winston durch den parteitreuen O’Brien fast den gesamten dritten und vierten Teil des Hörspiels. Jens Harzer ist der Folterscherge, so ruhig, so leise und gleichzeitig so aasig, so kalt, so böse: „Schauen Sie in den Spiegel, das ist der letzte Mensch!“ Winston hat gegen ihn keine Chance.

(Das Hörspiel „1984“ ist im Online-Angebot des BR als Podcast weiterhin abrufbar. Deutschlandfunk Kultur strahlt den Vierteiler am 5., 12., 19. und 25. Dezember jeweils um 18.30 Uhr in seinem Programm aus.)

03.12.2021 – Florian Welle/MK

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