Gaston Salvatore: Fallhöhe (BR 2)

Psychologisches Lehrstück

18.12.1974 •

Eine weitere Hörspielsendung des Bayerischen Rundfunks in der letzten Woche ist hier vorzustellen: Gemeint ist das erste Hörspiel des durch sein Bühnenstück „Büchners Tod“ und seine unter der Rubrik „links“ einzuordnenden politischen Einstellungen bekannten Berliner Chilenen Gaston Salvatore. Dem Hörer wird vor der Ausstrahlung des Hörspiels von der um das richtige Verständnis des Stücks besorgten Hörspiel-Dramaturgie eine kurze Anleitung zum Hören gegeben: Das Stück stelle – so die einführenden Worte – die Problematik der Beziehung zwischen Herr und Knecht dar; es zeige, das auch der Unterlegene (Peschke) Macht hat, weil der Überlegene (Krapp) den Unterlegenen braucht, um sich überlegen fühlen zu können. Diese gegenseitige Abhängigkeit – und darin läge die Pointe des Stücks – bestehe auch in Situationen fort, wo dies für beide zur Katastrophe führt. Mit diesem Leitfaden versehen findet dann auch der Hörer im Hörspiel die Herr/Knecht-Problematik wieder, wird aber gerade dadurch, so scheint mir, erheblich irritiert.

In der Eingangsszene wird nachhaltig die Atmosphäre einer modernen Arbeitswelt vermittelt, indem eine weibliche Lautsprecherstimme Peschke und Krapp auffordert, zur Direktion zu kommen, zur Direktion einer Firma, die – als „Investment Fond Trust General International Company, Hauptbüro und Generaldirektion“ bezeichnet – beim Hörer alle nur denkbaren Assoziationen an die Welt des Kapitalismus weckt. Untermalt von Schreibmaschinengeklapper ereignet sich dann die Katastrophe, deren Ursachen und Hintergründe aufzudecken die folgenden Szenen des rund 35-minütigen Stücks dienen: Krapp und Peschke springen aus dem Fenster des Büros dieser Firma, in der sie früher angestellt waren. Während Krapp und Peschke fallen, entwickelt sich zwischen ihnen ein Gespräch, das in Verbindung mit dramaturgisch geschickt eingebrachten Rückblenden die Vorgeschichte nebst den Motiven aufhellt, die zur Katastrophe führen.

Hierbei zeigt sich, dass die Problematik weniger in einem Konflikt der kapitalistischen Gesellschaftsordnung liegt, wie das Stichwort „Herr/Knecht-Beziehung“ der Einführung und die Milieuschilderung der ersten Hörspielszene erwarten lässt, sondern vielmehr in der Psyche der Hauptpersonen. Denn es kommt nicht das Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter zur Darstellung und es geht deshalb auch nicht um den Nachweis, wie sehr beide selbst dort, wo es gegen beider Interessen verstößt, ihre Herr-und-Knecht-Rollen weiterspielen. Die Hauptpersonen Peschke und Krapp gehören stattdessen der gleichen sozialen Schicht an, haben ähnlich Arbeit zu verrichten und verdienen dasselbe Geld. Die Überlegenheit von Krapp resultiert aus seinem Charakter, nämlich aus seinem besseren Entscheidungs- und Durchsetzungsvermögen. Peschke verkörpert eine antriebsschwache und sensible Persönlichkeit, die sich, um überhaupt etwas zu erreichen, der Hilfe von Krapp bedienen muss. Der Konflikt findet nicht in der Gesellschaft, sondern in der Psyche statt; die Berufswelt löst ihn zwar aus, aber nur in Form eines individuellen Konflikts zwischen zwei Personen und nicht als einen allgemeinen.

Der nächste Schritt ist das Umschlagen der Spannungen zwischen Krapp und Peschke ins Pathologische: Ihr Machtkampf, der als Kampf um Beförderung begonnen hat, wird ritualisiert zum physischen Kampf jeden Tag um zwölf Uhr, bei dem sich Peschke schlagen und besiegen lassen muss, ehe ihm seine Bedürfnisse und Wünsche durch Krapp gönnerhaft erfüllt werden. Die weiteren Stationen der Entwicklung der beiderseitigen Beziehungen bis hin zur Katastrophe sind: Peschke steigert seine Ansprüche ins Maßlose und Krapp ist nicht in der Lage, sich der Erfüllung seiner Wünsche zu widersetzen; Peschke verzichtet auf jegliche Ansprüche und Krapp gerät deshalb in Verzweiflung; und endlich äußert Peschke den Wunsch, sterben zu wollen und Krapp übernimmt – glücklich, etwas für Peschke tun zu dürfen – das Arrangement.

Es ist zu bedauern, dass die gemachten Ansätze zur Darstellung von Konfliktsituationen der bürgerlich-industriellen Welt nicht weiter verfolgt werden, sondern in einem psychologischen Lehrstück enden. Möglicherweise war hier der Wunsch Vater des Gedankens, als in der Programmankündigung das Stichwort „Herr/Knecht-Beziehung“ fiel. Oder ist man dabei bloß dem linken Ruf des Autors aufgesessen?

18.12.1974 – Brigitte Knott/FK

 

• Text aus Heft Nr. 51-52/1974 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.12.1974

Print-Ausgabe 23-24/2021

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