Garleff Zacharias-Langhans: Das große Heft. Hörspiel in sechs Folgen nach dem gleichnamigen Roman von Agota Kristof (BR 2)

Einübung ins Abtöten der Gefühle

13.10.1989 •

Im zwölften Kapitel ihres Romans „Das große Heft“ steht der Schlüsselsatz: „Die Wörter, die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, das heißt an die genaue Beschreibung der Tatsachen.“ Die in Ungarn geborene, in der Schweiz lebende und in französischer Sprache schreibende Autorin Agota Kristof schildert hier in kurzen Kapiteln, fiktiv, autobiografisch, das Schicksal eines Zwillingspaares, das im Ungarn der letzten Kriegsjahre ums nackte Überleben kämpft.

Es geht um Abhärtung, um „Abtötung“. Das siebte Kapitel des Romans nennt sich „Übung zur Abtötung des Körpers“. Garleff Zacharias-Langhans, der diese Abhärtungsübungen als Hörspiel in sechs Teilen für den Bayerischen Rundfunk eingerichtet hat, übernimmt weitgehend die Vorlage und unter der Regie von Heinz Hostnig sprechen bekannte Darsteller wie Wolfgang Mondon, Cornelia Froboess und Maria Singer.

Es ist Zeit zum Zuhören, zum Eindringenlassen dessen, was hier lakonisch „brutal“ beschrieben wird – die konsequente Vermeidung von Gefühlen als (Stil-)Mittel, um über schwer Erträgliches, Unerträgliches Bericht zu erstatten. Ein stilistischer und psychischer Bewältigungsprozess. Bei so viel „Gefühlskälte“ kann, soll (?), muss einem heiß ums Herz werden, heiß aus Abwehr, aus Zorn darüber, was der Krieg anrichtet hat und kaputtmacht. Nicht Solidarität, Zusammenwachsen unter dem Zwang der Umstände, nicht Lob des Durchhaltens in schweren Zeiten wird da beschworen oder gar gepriesen – Tugenden, die man aus der Distanz manchmal zu idealisieren geneigt ist. Auf solche Anerkennung nach dem Motto „Seht, was Menschen alles auszuhalten vermögen“ fällt die Autorin nicht herein. „Seht, welchen Preis der Krieg fordert“, scheint sie zu sagen, „seht, wie er Egoismus fördert und Isolation“… „jeder ist sich selbst der Nächste“.

Die Sprecher nehmen den gänzlich unweinerlichen Tonfall auf: Die Stimmen der namenlosen Zwillinge sind erwachsene Stimmen, sie tragen die Übungen zur Abhärtung mit, vermitteln einem, wie man sich gegenseitig Ohrfeigen, Faustschläge gibt und – Gipfel der schockierenden Immunisierung: Man kann sich retten, sagen die Zwillinge, indem man einen vor sich her über die Grenze gehen lässt. Der, den sie so gehen, in die Minen laufen lassen, vor dem Eisernen Vorhang, ist ihr Vater. Die Zwillinge bleiben namenlose, reduzierte Wesen. Die klaglose Beschreibung der Agota Kristof enthält mehr Anklage als manche Schilderung, in der dem Autor „gegeben wurde, zu sagen, was er leidet“. Die Musik von Hermann Josephs, Harmonika-Weisen. Spott in Töne gesetzt, unterstreicht den Reduzierungs- und Deformierungsprozess der beiden Kinder, die Einübung in Radikalität, ins große Verschweigen von Gefühlen.

13.10.1989 – Birgit Weidinger/FK

Text aus Heft Nr. 41/1989 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

13.10.1989 – FK

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