Gabi Schaffner: Hidden places. Erzählte Landschaften in Island und Australien. Klangkunststück (Deutschlandradio Kultur) // Gabi Schaffner: Selbst gemachtes Leben. Der Tapir im Birkenwald. Feature (Deutschlandfunk)

Mit dem Radio um die Welt

26.08.2016 •

Im Oktober dieses Jahres wird in Halle an der Saale das internationale Festival „Radio Revolten“ stattfinden. Dieses Festival für Hörfunkkunst, das mit verschiedenen Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet aufwartet, wird von der Künstlerin Gabi Schaffner mit einem Blog begleitet. Die 1965 geborene Fotografin und Klangkünstlerin, die zwischen Berlin, Frankfurt am Main, Helsinki und Lobo (Texas/USA) ihr Leben verbringt, ist dem Medium Radio schon seit einiger Zeit eng verbunden. Ihr Wirken kommt sowohl in der freien Radio- und Hörspielszene zum Tragen als auch im öffentlich-rechtlichen Hörfunk. So ist beispielsweise ihr originelles, für HR 2 Kultur produziertes Stück „Otto Mötö. Im Universum finnischer Motorenmusik“ noch in bester Erinnerung (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 35/12).

Nun konnte man in diesem August gleich zwei aktuelle, in Eigenregie realisierte Arbeiten von Gabi Schaffner in den Programmen des Deutschlandradios hören. Auf Deutschlandradio Kultur wurde am 5. August das Klangkunststück „Hidden places. Erzählte Landschaften in Island und Australien“ urgesendet. Eine Woche später folgte beim Schwestersender Deutschlandfunk ihr neues Feature „Selbst gemachtes Leben. Der Tapir im Birkenwald“.

In der Soundart-Kategorie bekam der Zuhörer mit „Hidden places“ die Möglichkeit, eine Art Klangreise anzutreten in die sehr unterschiedlichen Landschaften des australischen Kontinents mit seinen heißen Wüsten und der vereisten Insel Island mit ihren Schneewüsten. Die dem Stück zugrunde liegende Arbeitsweise sieht so aus: Wie in einer Pendelbewegung kommen die von Gabi Schaffner aufgesuchten Interviewpartner und die korrespondierenden Fieldrecordings zum Einsatz, Nord- und Südhalbkugel wechseln sich dabei ab. Anders als etwa in einem Feature sind die O-Töne dabei nicht von einer Übersetzung überlagert. Alle Personen sind mit ihrem stark von Dialekt bzw. Akzent geprägten Englisch zu vernehmen. Sie berichten von für sie magischen und oft versteckten Orten, von Eishöhlen, in denen Elfen den Winter verschlafen und von angsteinflößenden schneeverdeckten Felsspalten – oder eben von heiligen Plätzen der australischen Ureinwohner und den geheimen verführerischen Stränden begeisterter Wellenreiter.

Über diesen Kniff gelingt es Schaffner, ohne unmittelbare Ortsangabe aus dem Off den jeweils gegenwärtigen ‘Schauplatz‘ des Geschehens zu offenbaren. Eine wesentliche Rolle spielen bei der Orientierung des Hörers natürlich auch die Feldaufnahmen: Die exotischen Vogelrufe platziert man in Australien, das Knirschen von Schnee unter Wanderschuhen wird in die Schublade Island eingeordnet. Das eigentliche Kuriosum ist aber, dass sich nach und nach die eindeutig scheinenden Zuschreibungen, was Sprachfärbung und Bioakustik angeht, in den Hintergrund schieben und Platz machen für neuartige Geräuschassoziationen – sehr meditativ. Wenn man das Skript mitliest, das im Internet auf der Seite von Deutschlandradio Kultur zu der Sendung verfügbar ist und auch die Übersetzungen beinhaltet, dann kommt zugleich der informative Charakter des Stücks voll zum Tragen.

In ihrem Feature „Selbst gemachtes Leben“ versorgt Gabi Schaffner den Zuhörer mit geballten Informationen über die Szene der Außenseiterkünstler in Finnland. Anlass für diese Arbeit war der Tod des finnischen Künstlers Erkki Pirtola Anfang dieses Jahres. Er gilt als Begründer der Bewegung „Itse Tehti Eläm“ (ITE), was so viel bedeutet wie „selbst gemachtes Leben“ und also der Titel des Stücks wurde. In dem Feature präsentiert Schaffner ihre Aufnahmen von einer gemeinsamen Reise mit Pirtola, der für sein Werk 2011 den ‘Staatspreis der Bildenden Künste Finnland’ erhielt. Das klingt zwar auf Anhieb etwas etabliert, aber im Zentrum der vor bald einem halben Jahrhundert ins Leben gerufenen ITE-Kunst steht der Punk-Spirit des „Do it yourself“. Stationen des Features sind meist abgelegene Höfe, auf denen eigenbrötlerische bis einsiedlerische ehemalige Bauern ihre fernab vom Kunstbetrieb erarbeiteten Konzepte umsetzen.

Hauptarbeitsfeld dieser schon recht betagten finnischen Außenseiterkünstler scheinen Skulpturen zu sein. Der im Untertitel erwähnte Tapir im Birkenwald etwa ist eine solche Skulptur, deren Hauptkörper aus alten Reifen besteht. Besonders radiophon sind naheliegenderweise die schrägen Gesänge, die die vorm Mikrofon versammelten ITE-Künstler zum Besten geben.

Wer von ITE vorher noch nichts gehört hat, beendet das Hören des Features mit dem Eindruck, dass es sich dabei um eine sympathische, freakige Umsetzung des Beuys-Postulats, jeder sei ein Künstler, handelt. Mit beiden Arbeiten gelingt es Gabi Schaffner, das Versprechen des Radios, die fremde Welt in das eigene Wohnzimmer zu holen, einzulösen. Diese besondere Begabung zur künstlerischen Fernreise scheint übrigens auch bei dem Wortspiel auf, das sie mit der Adresse ihrer Website treibt: schaffnerin.net.

26.08.2016 – Rafik Will/MK