Fritz Eckenga: Vielen Dank für Ihr Verständnis. Ein Stauspiel in fünf Fahrzeugen (WDR 5)

Das Medium Auto

26.06.2021 •

Fritz Eckenga ist ein bekannter Satiriker und hat seit Jahren einen hohen Output in den Bereichen des geschriebenen wie des gesprochenen Worts. Die Bücher, in denen die Prosatexte und Gedichte des in Dortmund lebenden Autors erscheinen, tragen eindrückliche Titel wie „Draußen rauchen ist Mord am ungeborenen Baum“.

Eckenga ist auch als Gastgeber der Kabarettsendung „Beste Gäste@Eckenga“, die der Radiosender WDR 5 regelmäßig im Rahmen seiner Reihe „Unterhaltung am Wochenende“ ausstrahlt. Beim Schwesterprogramm WDR 2 ist außerdem alle zwei Wochen eine Glosse von ihm zu hören. Dem Radiopublikum ist Fritz Eckenga außerdem aus Hörspielen bekannt. Hier ist er in den unterschiedlichsten Stücken als Sprecher aufgetreten, etwa in den klugen Kinderhörspielen Hartmut El Kurdis. Als Hörspielautor hat Eckenga selbst bereits beim WDR das Stück „Pension Börning – Nicht ganz drei Tage“ vorgelegt (vgl. MK-Kritik). Anfang Juni hat WDR 5 seine neueste Arbeit urgesendet: „Vielen Dank für Ihr Verständnis. Ein Stauspiel in fünf Fahrzeugen.“ Dieses „Stauspiel“ ist eine Mediensatire in einem enger gefassten Sinn, setzt sie sich doch stilistisch und inhaltlich mit dem Medium des Verkehrsfunks auseinander. Und sie ist auch eine Mediensatire, wenn man den Begriff des Mediums weiter fasst und in dem Fortbewegungsmittel Auto ein Medium sieht. Unter beiden Betrachtungswinkeln ist das Stück hervorragend gelungen.

Sozusagen als Eröffnungssignal des 51-minütigen Hörspiels erklingt der „Hinz-Triller“, mit dem im Radioprogramm gewöhnlich Verkehrshinweise angekündigt werden. Und tatsächlich: Auf den Triller folgt ein wuselig hektisches Medley aus Staumeldungen aus dem bevölkerungs- und verkehrsreichen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Zum Einsetzen der Handlung des Hörspiels ist auf den Autobahnen schon lange kein Durchkommen mehr. Der Titel „Vielen Dank für Ihr Verständnis“ kommt im Stück selbst als Teil einer Verkehrs­meldung vor, die auf die Verhaltensmaßgaben Maskenpflicht und Rauchverbot am Seitenstreifen aufmerksam macht. Denn viele der Stauopfer wollen sich offenbar die Beine vertreten und steigen deshalb aus den stehenden Autos aus. Eine weitere Einleitung braucht es nach dieser anknüpfungsfähigen Ausgangssituation heraus nicht mehr.

Dass nun ein fiktionales Spielfeld betreten wird, verdeutlicht das Erklingen einer A-capella-Version des Beatles-Songs „Drive My Car“ und dann kann prompt die erste Szene beginnen. Zu hören ist, wie der gerade Auto fahrende Pharma-Referent Sven (gesprochen von Michael-Che Koch) von seiner Partnerin, der Anwältin Kerstin (Bianka Lammert), angerufen wird, die ebenfalls mit dem Fahrzeug unterwegs ist. Er macht seinem Frust über den zähfließenden Verkehr Luft, worauf sie anbietet, das Abendessen zu organisieren. Durch den Umweg jedoch, den sie deshalb machen muss, manövriert auch sie ihren Wagen in die Bewegungsunfähigkeit.

Die weiteren am riesigen Stau beteiligten drei Fahrzeuge des Staustücks sind ein E-Auto ohne Stromvorrat, in dem Sebastian (Moritz Führmann) mit seinen zwei streitenden Kindern (Julia Fritz und Theo Burkholder) festsitzt, ein Transporter, mit dem die beiden Elektriker Bernd (Fritz Eckenga) und Lukas (Till Beckmann) eigentlich zu einer Baustelle gelangen wollen, und ein LKW, mit dem der Fahrer Maksim (Dmitri Alexandrov) 140 lebende Schweine zum Schlachthof transportieren soll.

Das Hin- und Herswitchen zwischen den einzelnen Handlungsorten erfolgt über Telefonate mit Smartphones und auch mittels der allseits eingeschalteten Autoradios. Sie spielen die besten Hits mit Autobezug, bringen die unvermeidlichen Staumeldungen oder werben in Gewinnspielen für das Unterwegsklo „PK-WC“. Telefon und Radio werden in diesem Hörspiel äußerst gekonnt eingesetzt. Mal ist die Stimme eines streitsüchtigen Fahrzeughalters nur in der Qualität eines Telefonlautsprechers zu hören, mal scheint das Mikro diesem direkt am Revers zu heften. Mal ist das in den Fahrzeugen laufende Radioprogramm nur in blechernem LoFi-Sound zu hören, mal kommt es direkt aus dem schalltoten Studio.

Sehr schön umgesetzt – auch mit Blick auf die Schwierigkeiten, die die Benutzung von Informations- und Kommunikationsmedien mit sich bringt – ist dieses dramaturgisch durchdachte Spiel mit der Technik in einem fiktiven „WDR 5 Hörertalk“, bei dem LKW-Fahrer Maksim zwar das Studio erreicht, wegen Funklöchern im Tunnel aber weder auf stabilen Radioempfang noch eine ununterbrochene Telefonverbindung zurückgreifen kann. Zu technischem Versagen kommt es auch an anderen Stellen im Hörspiel. Ein verwirrter Radiomoderator berichtet etwa vom Systemabsturz des Redaktionscomputers, in dem sich so viele Meldungen gestaut haben, dass es zum Zusammenbruch kam. Denn der Verkehrsinfarkt zieht sich über Bundes- und Landstraßen bis in innerstädtische Wohnviertel hinein. Ganz NRW ein einziger Stau ohne Entkommen.

Private Mobilität ermöglicht in dieser Satire keine zwischenmenschlichen Begegnungen über größere Distanzen hinweg, sondern verhindert sie geradezu. Belehrend ist das Stück trotz dieser gesellschaftskritischen Moral nie. Komische Momente gewinnt es aus seinen kurzweiligen und schlagfertigen Dialogen und der Überzeichnung realitätsnaher Situationen: Familienvater Sebastian lässt die Kinder alleine im Wagen und geht spazieren („Zigaretten holen“, wie der Sohn seiner Mutter am Telefon sagt), Maksim lässt die Tiere aus dem LKW und macht aus dem Grünstreifen eine Schweineweide, die Elektriker notieren die Stauzeit mittlerweile als Überstunden und Borussia-Dortmund-Fan Sven bewegt sich zwar genauso wenig von der Stelle wie die Schalke-Anhängerin Kerstin, dafür sind beide auf dem besten Weg, ihre Beziehung an die Wand zu fahren. Die unendliche Staugeschichte lässt das Ende der Handlungsstränge offen und regt dazu an, sie weiterzuspinnen.

Das unter Regie von Thomas Leutzbach entstandene „Stauspiel“ lief bei WDR 5 auf einem Spezialtermin, mitten in der Woche zur nachmittäglichen Hauptverkehrszeit. Unabhängig von dieser geschickt positionierten linearen Ausstrahlung ist es im „Hörspielspeicher“ des WDR als Stream und Download weiterhin nachzuhören – bis Ende 2099. Ob sich bis dahin die reale Grundlage für diese Satire aufgelöst hat?

26.06.2021 – Rafik Will/MK

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