Fritz Eckenga: Pension Börning – Nicht ganz drei Tage (WDR 5/WDR 3)

Banale Wirklichkeit

30.12.2017 • Es schneit, es schneit. Wegen unpassierbarer Straßen hängen vier Personen in einer kleinen Dorfpension nahe Münster fest. Zwei davon sind reisende Vertreter: Dirk vertreibt Fertiggerichte, Bernd Sicherheitstechnik, allerdings zuletzt auf dem Niveau von Maschendrahtzäunen und Zahlenschlössern. Die beiden treffen sich in der Pension schon seit zwanzig Jahren immer wieder und sind lose befreundet. Diesmal gesellt sich die Unternehmensberaterin Julia dazu, die dort schneebedingt gestrandet ist. Bei der vierten Person handelt es sich um Gudrun, genannt „Guddi“, die Zimmerwirtin der titelgebenden Pension Börning. Guddi besorgt an der Bar des Hauses auch den Ausschank und ist so mit ihren Gästen ständig im Gespräch.

Geboten wird in diesem Hörspiel sozusagen die Variation einer Eckkneipe in der Vorweihnachtszeit. Während das Radio im Hintergrund neben Wetterdurchsagen ausschließlich Weihnachtssongs spielt („nicht schon wieder ‘Last Christmas’“), wird am Tresen gequatscht und gesoffen, gesoffen und gequatscht. Man kennt sich untereinander ziemlich gut, weiß um die Probleme der anderen, will sich selbst aber keine Blöße geben. Zwischen alltäglichen Verzählchern, alkoholschwangeren Sprüchen und möchtegern-geistvollen Plattitüden dümpeln die Gespräche so dahin. Die Männer möchten die fremde Frau beeindrucken. Die Storys, die sie dabei zum Besten geben, sind dem jeweils anderen allerdings längst bekannt und zudem so fadenscheinig, dass sich die Gefühle der Minderwertigkeit hinter dem großen Gehabe kaum kaschieren lassen. Tiefe erreichen solche Gespräche ja nur in seltenen Glücksmomenten, unter vier Augen, so man ausnahmsweise einmal ehrlich gegenüber sich selbst und dem Gegenüber ist. Ansonsten werden gut gemeinte Freundlichkeiten und Hilfsangebote rüde abgelehnt, da dahinter Mildtätigkeit oder Bevormundung vermutet wird.

Eigentlich bieten Zwangsgemeinschaften, die durch Flugzeug- oder Schiffshavarien, steckengebliebene Aufzüge, Wetterumstürze in den Bergen, kurz: große oder kleine Katastrophen aller Art entstehen, ein bewährtes Szenario quer durch alle fiktionalen Genres, vom Bergsteigerfilm über den Western bis zur Post-Doomsday-Geschichte. Die Ausnahmesituation, der ‘festhaltende’ Rahmen und die Gruppendynamik bilden ein reiches Potenzial für Psychogramme aller Art. Das Potenzial alleine ist allerdings kein Selbstläufer, es muss auch genutzt und entwickelt werden.

Und das ist in diesem Hörspiel von Fritz Eckenga leider kaum der Fall. Die Geschichte baut sich sehr langsam auf und gewinnt so wenig Fahrt, dass man sie ohne inhaltliche Verluste auch hätte komprimieren und an einem einzelnen Abend spielen lassen können. Eines mehrtägigen Schneetreibens hätte es nicht bedurft – es wurde ja eh nicht dramaturgisch genutzt –, eine einfache Autopanne hätte die Anwesenheit der Unternehmensberaterin hinreichend erklärt. Die Protagonisten sind nach relativ kurzer Zeit hinreichend berechenbar, Charaktere und Handlung entwickeln sich kaum weiter. Zwar hat Bernd einen ungeöffneten Briefumschlag mit dem Ergebnis eines Vaterschaftstests in der Tasche, den er sich nicht zu öffnen traut. Und Unternehmensberaterin Julia soll, wie sich herausstellt, einen richtungsweisenden Vorschlag ausarbeiten, ob die Firma, für die Bernd arbeitet, abgewickelt werden soll oder nicht. In der hörspielerischen Umsetzung hält sich die Spannung jedoch arg in Grenzen. Insgesamt ist es nicht gelungen, die nahe der banalen Wirklichkeit angesiedelte Geschichte aufführungsreif zu dramatisieren.

Der Dortmunder Autor Fritz Eckenga, erfolgreicher Kabarettist und Radiomacher, spricht den Ruhrgebietler Bernd gewohnt ausdrucksstark mit ausgeprägtem Dialekt. Bernd ist in dieser Produktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR) die eigentliche Hauptfigur, die anderen sind – ihrer Rolle gemäß – etwas unauffälliger. Dirk wird vom Routinier Heinrich Schafmeister verkörpert, der seit Mitte der 1980er Jahre vor allem in Fernsehserien dauerpräsent ist. Die beiden Männer sind es, die einen Kneipenkalauer nach dem anderen raushauen und dadurch maßgeblich die Atmosphäre prägen. Aber auch Antje Lewald (Guddi) und Yvon Jansen (Julia) verkörpern ihre Rollen durchaus glaubhaft. Regisseur Thomas Leutzbach inszenierte das rund 55-minütige Dialoghörspiel mit einem guten Gespür für Land und Leute in sehr konventioneller Manier und setzte dabei – vielleicht zu sehr? – auf Lokalkolorit und die Leistungen der überzeugenden Darsteller.

30.12.2017 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 25-26/2017

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