Friederike Mayröcker: will nicht mehr weiden. Requiem für Ernst Jandl (Bayern 2 Radio)

Dialog unter Abwesenden

15.06.2001 •

„Diesmal ist er zu weit gegangen“, kommentiert der Schweizer Schriftstellerkollege Adolf Muschg mit hilfloser Ironie den Tod Ernst Jandls am 9. Juni des vorigen Jahres nur wenige Wochen vor dessen 75. Geburtstag. Im Juli 2000 beendet Friederike Mayröcker den Text „will nicht mehr weiden“, den sie ein „Requiem für Ernst Jandl“ nennt und dem sie Muschgs Ausspruch als Motto voranstellt. Es ist natürlich kein distanziertes Porträt geworden, sondern eine sehr persönliche Annäherung an den literarischen Weggefährten.

„Das Ungenauere musz es sein“, so steht es am Anfang von Mayröckers Text – eine Maxime, in der man das Echo des von Franz Mon auf die Avantgarde der Wiener Gruppe gemünzten Diktums hört: „Das Uneindeutige ist das Konkrete. Was identifiziert ist, ist auch bereits verschwunden.“ Als Abwesender ist Ernst Jandl besonders präsent, gespiegelt in der Befindlichkeit der mittlerweile 76-jährigen Friederike Mayröcker – in ihrer Klage über den unwiederbringlichen Verlust der Vertrautheit, der geheimen Worte und der wortlosen Verständigung, markiert durch das häufige „und so weiter“ im Text. „Aber er kommt immer wieder, verlass dich darauf, und dabei bleibt er anspruchsvoll“, lässt sich die Autorin, die nicht mehr weiden, leben, lesen will, von Adolf Muschg trösten. Wieder neu lesen lernen, empfiehlt ihr deshalb die Lyrikerin Elke Erb, nachdem der Tod („ein Zerbrecher und Verstörer“) ihr den Dialogpartner genommen habe.

„Leben, lesen, weiden“ spielt möglicherweise auf eine andere Bedeutungstrias an, nämlich die von „nehmen, teilen, weiden“, die das altgriechische „némein“ in sich einschloss. Metaphorisch verwiese das auf die gemeinsame Landnahme, Verteilung und Erschließung neuer Territorien der Sprache durch das Duo Jandl/Mayröcker, das 1968 mit „Fünf Mann Menschen“ seinen Durchbruch erlebte und Hörspielgeschichte schrieb. Als Trauerarbeit hat der Bayerische Rundfunk (BR) das Stück angekündigt, was trotz des hässlichen Terminus wahrscheinlich stimmt. Allerdings hat die poetisch verdichtete Trauerarbeit der gegenwärtigen Büchner-Preisträgerin so gar nichts mit den schlechten Selbstverständigungsromanen der 1970er Jahre zu tun, die man gewöhnlich damit assoziiert.

Für Regisseur Ulrich Gerhardt ist „nicht mehr weiden“ nicht der erste Hörfunkmonolog. Diesmal hat er mit Jutta Lampe aus den gut neun Seiten Text – durchaus angemessen – ein 35‑minütiges Hörstück über die Pause gemacht – der Chiffre für mediale Abwesenheit.

15.06.2001 – Jochen Meißner/FK

 

• Text aus Heft Nr. 24/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.06.2001 – FK

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