Frieder Butzmann: Göttliche Vergeltung. Hörspiel mit Prolog. Nach Texten von Carl von Linné (Deutschlandradio Berlin)

Groteske Komödie

20.06.1996 •

„Experimentelle Theologie“ (Theologia experimentalis) hat der schwedische Biologe und Botaniker Carl von Linné (1707-1778) seinen Versuch genannt, aus der Welt der Ereignisse die göttlichen Ordnungsprinzipien herauszulesen, wie es ihm mit der Systema Naturae für die Klassifikation der Arten so hervorragend gelungen war. „Gott schuf, Linné ordnete“ ist ein geflügeltes Wort unter Biologen.

Als eine auf Erfahrung gegründete, eine empirische Theologie, wollte Linné seine Lehre von der „Nemesis Divina“, der göttlichen Vergeltung, verstanden wissen. In über zweihundert Miniaturen, die streng nach dem Muster „verübte Tat – göttliche Vergeltung“ ablaufen, wolle Linné seinem Sohn die Welt als eine wohleingerichtete und durch göttliche Vorsehung und Weisheit ausbalancierte erklären.

Frieder Butzmann leitet sein einstündiges „Hörspiel mit Prolog“ mit einem 17 Minuten langen fiktiven Interview ein. Leider ist dieser Part, in dem der Hörspielmacher Hermann Bohlen den Reporter einer privaten Radiostation spielt, der seinerseits den Regisseur einer dramatisierten Fassung der „Nemesis Divina“ interviewt, formal herzlich misslungen. Vielleicht hört Frieder Butzmann zu wenig schlechte Privatsender, um sie stilsicher zu parodieren. Vielleicht ist aber auch der Anspruch zu hoch, in dieser kurzen Zeit in die Linnésche Denkungsart einzuführen, die in Berlin und Umgebung beliebte Verwechslung Linnés mit dem Gartenbauarchitekten Peter Joseph Lenné aufzuklären und auch noch den Geist des Naturforschers selbst zu Wort kommen zu lassen.

Was folgt, ist dann Originalton Linné. Aber es ist nicht das Licht der Aufklärung, in das uns Frieder Butzmann führt, vielmehr fühlt man sich in ein bizarres Panoptikum aus Mord, Raub, Blutschande, Intrigen und Hurerei versetzt. Die Welt des zeitweilig schwer depressiven Linné ist düster. Es gibt da die rächende Vergeltung, die die Untaten oftmals symmetrisch bestraft: mit Tod, Verarmung, Exil oder Geschlechtskrankheiten. Oft haben Verbrechen und Strafe aber keine logische Verbindung, sondern stehen als Ereignisse nebeneinander und nur durch die Gott zugeschriebene Vergeltung in Beziehung. Die kann Jahrzehnte auf sich warten lassen oder auch als Fluch wirken („die nächsten drei Generationen kein natürlicher Tod“).

Sein Material entnimmt Linné der Bibel (vorwiegend dem Alten Testament), den klassischen Lateinern und authentischen (?) Fällen seiner Zeit. Trotz der begrifflichen Berufung auf die Rachegöttin Nemesis sind Bezüge zur griechischen Mythologie nicht anzunehmen, schreibt Elis Malmström, der Herausgeber der ersten vollständigen Ausgabe der „Nemesis Divina“, die erst 1968, fast zweihundert Jahre nach Linnés Tod erscheinen konnte.

Aus heutiger Perspektive erscheint die seelenlose Mechanik, mit der Linnés Moral zuschlägt, äußerst fremd, verstörend und über weite Strecken auch komisch. Frieder Butzmann hat seine Auswahl aus Linnés großem Fragment als groteske Komödie inszeniert, ohne den litaneihaften Charakter zu unterschlagen. Die Butzmann-typische Synthi-Musik wird diesmal durch den Männerchor Audiovision der Fachhochschule Düsseldorf ergänzt, der ab und zu kommentiert und in meckerndes Lachen ausbricht. Die auf bloße Handlungselemente reduzierte Sprache verleiht dem Ganzen einen gewissen Drive, macht Linné zum Plot-Lieferanten für eine heruntergekommene Moral à la Sat 1 („Saskia – schwanger zum Sex gezwungen“).

• Text aus Heft Nr. 25/1997 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

20.06.1996 – Jochen Meißner/FK

Print-Ausgabe 10/2020

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