Frei von Konventionen: Beim 12. Berliner Hörspielfestival geht der Hauptpreis an Mariola Brillowska

05.09.2021 •

Was bedeuten die Begriffe „frei“ und „Freiheit“? Unter anderem auf diese Frage wurden beim 12. Berliner Hörspielfestival (BHF) Antworten gesucht. Schließlich begreift sich die Veranstaltung seit ihrem Bestehen als Plattform für die freie Hörspielszene: Frei meint hier in erster Linie, dass die vertretenen Stücke unabhängig von Hörspielredaktionen entstanden sind, also frei produziert wurden.

Zum zweiten Mal fand das Hörspielfestival nun in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg statt (12. bis 15. August). Nachdem im vorigen Jahr wegen der Corona-Pandemie eine Präsenzveranstaltung unmöglich war und das Festival nur online stattfinden konnte, wurde es diesmal nicht nur im Livestream, sondern unter der sogenannten 3G-Regelung auch wieder vor Ort und mit Publikum abgehalten.

„Schmerzhaft schmelzende Schneeflocken“

Geboten wurde ein erweitertes Rahmenprogramm mit Live-Hörspielen, Diskussionen und Werkstattgesprächen. Die Kernstruktur des Berliner Hörspielfestivals orientierte sich wie bei den bisherigen Ausgaben an der Abfolge der Wettbewerbe. Über die vier Veranstaltungstage verteilt wurden jeweils zwei der sieben Stücke vorgeführt (einmal eines), die um das „Lange brennende Mikro“ konkurrierten, den Preis, den die Jury für Hörspiele von 20 bis 60 Minuten Länge vergibt. Es ist der Hauptpreis des Festivals. Die Preise in den Publikumskategorien – drei Auszeichnungen für Kurzhörstücke unterschiedlicher Länge, eine für den Bereich fremdsprachige Stücke – wurden jeweils an einem Tag abgehandelt. Als Neuerung kam noch ein von der Festivaljury vergebener Förderpreis für ein Hörspieldebüt hinzu.

Den Hauptpreis der Jury gewann Mariola Brillowska für ihre knapp einstündige, im Stil eines Kunstpodcasts gehaltene Mockumentary „Snørre Snørrensønsøn“. In ihrer Eigenproduktion schlüpft sie in die Rolle der Interviewerin Pola Bipolar und trifft auf Grönland einen Klangforscher mit Pop-Ambitionen und nasalem skandinavischen Akzent: die Titelfigur Snørre Snørrensønsøn (gesprochen von Felix Kubin). Die phantasievolle Parodie zeigt mit ihrem starken Hang zu Improvisation und primärer Mündlichkeit, dass Freiheit im freien Hörspiel auch die Freiheit von hörfunküblichen Konventionen bedeuten kann.

„Schmerzhaft schmelzende Schneeflocken“

Mitglieder der Jury waren neben dem Vorjahressieger Ralf Wendt außerdem Ruth Johanna Benrath, Melina von Gagern und als Vorsitzender der Festivalleiter und Hörspielkritiker Jochen Meißner (der auch MK-Autor ist). In der Jurybegründung für die Preisvergabe heißt es unter anderem: „Was braucht es, um eine gute Parodie zu erschaffen? Als erstes Liebe zu seinem Gegenstand, als zweites die analytischen Fähigkeiten, das Wesen dieses Gegenstandes zu erfassen, als drittes die Fertigkeit, diese Analyse in ein Werk umzusetzen, als viertes die Präzision, mit der ein Pathologe eine Autopsie vornimmt und als fünftes – und sicher nicht Unwichtigstes – muss man verstehen, das sezierende Mittel der Ironie behutsam einzusetzen. Das feine Besteck, das nötig ist, um die Präzisionsarbeit der Parodie zu betreiben, hört man in Felix Kubins Klangmontagen seiner Figur Snørre Snørrensønsøn, der «schmerzhaft schmelzende Schneeflocken» in Szene setzt und damit der Klangesoterik des Fieldrecordings ein feines Denkmal setzt und es zugleich schleift.“

Mariola Brillowskas Hörspiel setzte sich damit im Hauptwettbewerb unter anderem gegen Bettie I. Alfreds Stück „Scheinwut“ und Annedore Bauers Produktion „Die Unantastbaren“ durch. In „Scheinwut“ sucht die Titelfigur Lissy (unterlegt mit ständigem Tastaturgehämmer) nach dem richtigen Ansatz für einen Erfolgsroman und zugleich auch nach kleinbürgerlichem Familienglück, in dem die Partner einander „Stützregale“ sind. Die extreme Überaffirmation von gesellschaftlichen Normen und der Versuch diese zu erfüllen, machen aus dem Stück ein ganz und gar nicht kleinbürgerliches Hörvergnügen.

Der Mantel des Schweigens

Etwas anders liegt der Fall bei Bauers Stück „Die Unantastbaren“. Mit dem Willen zur kritischen Geschichtsaufarbeitung sucht die Autorin in Gestalt ihres literarischen Alter Egos den Heimatort im deutsch-französischen Grenzgebiet auf, wo sie in der Nachbarschaft eines Behindertenheims aufwuchs und wo während der Nazi-Zeit im Rahmen des sogenannten „Euthanasie“-Programms Behinderte ermordet wurden. Zwar geht das Stück auf den Mantel des Schweigens ein, den die Großelterngeneration über die Morde gelegt hat, und lüftet ihn sogar durch aufarbeitende Recherche. Der Fokus driftet dann aber zu den demokratischen ‘Wiedergutmachungsversuchen’ der nach dem Krieg sozialisierten Elterngeneration, was den zu Beginn kritischen Geist des Stücks abschwächt. Auch geraten die mitfühlend beschriebenen Behinderten aus dem eigenen Kindheitsumfeld ein wenig zur Kulisse des Stücks, da ihnen eine eigene Stimme fehlt.

Die Jury sah auf jeden Fall Potenzial in der neuen Hörspielmacherin, die sich im Genre schon als Schauspielerin auskennt: Für „Die Unantastbaren“ erhielt Annedore Bauer den Förderpreis („Das zündende Mikro“), verbunden mit dem Auftrag zu einer maximal 20-minütigen Produktion, die unterstützt wird und deren fertiges Ergebnis beim nächsten Berliner Hörspielfestival zu hören sein wird.

Lange Hörspiele fanden sich neben der Wettbewerbshauptkategorie auch im Rahmenprogramm des Festivals mit allabendlichen Live-Audioaufführungen von Künstlern, darunter auch das Duo Liquid Penguin Ensemble. Den Auftakt machte am ersten Tag Armin Chodzinski mit der Performance „Freiheit II“, die den Begriff „Freiheit“ in einer Art Meditationsübung mantraartig in unterschiedlichen Kontexten durchdeklinierte und dabei ein Helene-Fischer-Konzert choreografisch analysierte.

Die Situation des Hörspiels bei den Sendern

Auch sonst war das Rahmenprogramm sehr umfangreich, es gab etwa Hörspiel-Workshops für Kinder oder Werkstattgespräche mit Hörspielfachleuten und -machern wie Ulrich Gerhardt und Charlotte Drews-Bernstein oder Hermann Bohlen und Felix Kubin. Bei einer von der „Hans-Flesch-Gesellschaft, Forum für akustische Kunst“ veranstalteten Podiumsdiskussion ging es um die problematischer werdende Situation des Hörspiels bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Sie ist gekennzeichnet vom Wegfall von Sendeplätzen für Premieren und Wiederholungen von Hörspielen vor allem in den ARD-Radioprogrammen und von unzureichender Vergütung von Hörspiel-Veröffentlichungen im Internet.

Bei den vom Publikum vergebenen Preisen des diesjährigen Berliner Hörspielfestivals kam es zu folgenden Entscheidungen: Den „Mikroflitzer“ für maximal einminütige Stücke erhielt Dagmar Cassens für „Open the Door, Ingrid“, das „Glühende Knopfmikro“ für bis zu fünf Minuten lange Stücke ging an Sarah Zaharanski für „Was wirklich geschah“ und mit dem „Kurzen brennenden Mikro“ für höchstens 20 Minuten lange Hörspiele wurde Viola Gabor für ihr „Klangspiel Corona Ciao“ ausgezeichnet. Das „Burning Mic“ für das beste fremdsprachige Stück ging an „The Dominion of Din“ von Mark Vernon. Die Preise sind mit unterschiedlichen Spezialmikrofonen dotiert; außerdem erhalten die Preisträger jeweils eine aus gebrauchter Radiotechnik montierte Trophäe, gestiftet vom Verein „Funkerberg Königs-Wusterhausen“.

05.09.2021 – Rafik Will/MK

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