Fred von Hoerschelmann: Sizilianischer Frühling. Hörspiel (Gemeinschaftsproduktion BR/HR/SWF)

Die Mafia

04.04.1967 •

Nicht ein einziges Mal in der ganzen Stunde fällt der Name, welcher Fluch bedeutet für die Insel an Europas Südzipfel. Zaghaft für Kenner angedeutet ist er allein, wenn Don Carmelo ein ehrenwerter Herr genannt wird, was in Sizilien nicht wörtlich genommen werden darf, denn so titulieren sich dort die Häupter der Verbrecherorganisation, die Chefs der Mafia.

Es wäre aber töricht, annehmen zu wollen, hier handele es sich um ein individuelles Geschehen, weil alle Züge der Handlung so typisch sind, wie aus einem Bilderbuch über die Nachtseite Siziliens genommen: Schmuggel, Rauschgifthandel, Erpressung, Terror, Angst, Mord. Und der Kaufmann aus Mailand, der im Heimatdorf seines Vaters einen Vetter besuchen will und statt seiner nur eine Mauer des Schweigens findet, scheint überhaupt nicht zu merken, was vorgeht. Als er den Verwandten, den ehemaligen Schmuggler, nicht findet und faustdicke Lügen aufgetischt bekommt, ist ihm die Sache nicht geheuer. Er fährt nach Hause, weder vor Zorn und Enttäuschung schäumend noch von den Furien der Angst gejagt, vielmehr verdutzt und – von einem italienischen Zeitgenossen sollte man mehr Kenntnis erwarten – ein bisschen vernagelt.

Warum also die Geheimniskrämerei des Autors? Dem arg- und kenntnislosen Mitteleuropäer gaukelt er eine singuläre Dämonie vor, aber den Informierten wird er mit Halbheiten nicht überzeugen. Will er durch Verschweigen bequem das Gruseln lehren? Oder will er mit einem szenischen Mittel, das längst keine dramaturgische Legitimation mehr braucht, Effekt erzielen? Das betrifft die totale Angst in dem kleinen sizilianischen Ort vor der Rache des Ehrenwerten, die einige Bewohner bloß zu inneren Monologen treibt, wodurch dem Zuhörer die Wahrheit über den Tod des Vetters bekannt wird, aber nicht dem Besucher aus Mailand.

Die Spannung ist wohlfeil, dem Zuhörer alles, dem Hauptakteur aber nichts zu verraten; aber ihn ganz und gar unwissend aus dem Spiel zu entlassen, ist billig. Der tumbe Parzival aus Mailand, der unbewusst das Unheil gefördert hat, kehrt ebenso tumb zurück. Die Erfahrung der Welt bleibt ihm vorenthalten. Da hätte er auch gleich zu Hause bleiben können. Es kichert das Böse über einen Autor, der ihm nicht die Maske heruntergerissen hat, weil er glaubt, der ewig unwissende Parzival sei ein interessanter Zeitgenosse.

• Text aus Heft Nr. 15/1967 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.04.1967 – Günther Vogt/FK

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