Fred von Hoerschelmann: Aufgabe von Siena (SWF)

Monologe verstörter Gewissen

14.09.1955 •

Beim Rückzug der deutschen Armeen in Italien findet ein Gefreiter einen Toten am Straßenrand. Er lädt ihn in den Beiwagen seines Motorrades und macht sich auf die Suche nach jemand, der ihm helfen kann, diesen Unbekannten zu beerdigen: „Man kann ihn doch nicht einfach liegenlassen.“ Die abgestumpften Kameraden ziehen allein weiter. Der Gefreite gerät zunächst an einen Stabsarzt, dann an eine italienische Mutter, an einen Verpflegungsbullen, an eine Oberschwester, an einen Pfarrer.

Jede der angesprochenen Personen verfällt durch eine Anspielung, einen falsch verstandenen Namen, einen Satz des Gefreiten,  einen Jargonausdruck in kurzes Sinnieren. Alte Schuld steht wider die um Hilfe Angegangenen auf, aber nur der Pfarrer stellt sich dem Anruf, lässt seine Fahrmöglichkeit im Stich und hilft, dem Unbekannten ein Grab zu bereiten. Die Monologe, nur sparsam von Rückblenden unterbrochen, sprechen von vielfältigem Versagen, von verweigerter Hilfe, von Gewissenszwang, von Oberflächlichkeit, von Hartherzigkeit.

Es ist erstaunlich, wie es dem Autor gelungen ist, das Mittel des Monologs für den Hörer wirksam zu machen. Man wird in die bohrenden Gedanken der Menschen hineingerissen und erlebt ganze Schicksale mit. Und das auf den kurzen Zeitraum von 45 Minuten zusammengedrängt. Hoerschelmann hat hier wieder eine Probe seines großen Könnens gegeben und der Rundfunk gewann ein ernsthaftes und künstlerisch befriedigendes Hörspiel, das sich angenehm von den Leichtigkeiten der Sommerflaute abhob. Zudem werden Kriegserinnerungen in einer Weise aktiviert, die uns auch unter veränderten Lebensumständen zum Nachdenken zwingt.

Die Regie hatte Walter Knaus als Gast. Es gelang ihm, die verschiedenen akustischen Ebenen deutlich voneinander abzuheben und trotz eines forcierten Tempos den sprachlichen Glanz der Gewissenserforschung wirksam werden zu lassen. Als Sprecher fielen vor allem Heinz Klevenow als Arzt, Otti Schütz als Krankenschwester und Kurt Lieck als Pfarrer auf. Eine Sendung, die sich in Stil und Gehalt fürs Hörspielrepertoire eignet. 

• Text aus Heft Nr. 38/1955 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.09.1955 – hrd/FK

2018 vom SWR als Hörbuch neu veröffentlicht: Fred von Hoerschelmanns aus dem Jahr 1955 stammendes Hörspiel „Aufgabe von Siena“

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