Franziska Wenning: Olessja. Hörspiel nach der gleichnamigen Erzählung von Alexander I. Kuprin (Deutschlandfunk)

Bekannter Topos, neu interpretiert

11.12.2020 •

Im riesigen russischen Reich liegt Narovchat. Es ist der Geburtsort des hierzulande kaum bekannten Dichters Alexander Iwanowitsch Kuprin (1870-1938). Er war ein später Freund der großen russischen Romanciers wie Tolstoi und Tschechow und er war – wie viele seiner Generation – als junger Schriftsteller auf der Spurensuche nach der seelenstärkenden Kraft der Natur und der Liebe. Was heute eher nach Puder duftet und unserer gegenwärtigen Welt sehr fern ist, bezieht jedoch im Hörspiel „Olessja“, einer Produktion des Deutschlandfunks (DLF) in Zusammenarbeit mit der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ (HfS), eine Bildhaftigkeit und eine poetische Wahrheit, die nicht von ungefähr stark an Kuprins freundschaftliche Vorbilder erinnern.

Nach dem Tod des Vaters verließ Alexander I. Kuprins Mutter um 1877 Narovchat und zog mit ihrem Sohn von der dahindämmernden Provinzhauptstadt des Regierungsbezirks Pensa nach Moskau, um ihm dort sozusagen standesgemäß den Besuch einer Offiziersschule zu ermöglichen. Seine Jugendzeit in dem weit südwestlich von der russischen Hauptstadt gelegenen Gouvernement muss ihn jedoch bereits tief geprägt haben. Denn die friedliche, flussreiche Landschaft – darunter die Wolga – bildete vielerorts in der Region Pensa Idyllen, die auch der zeitweise ebenfalls in diesem Gebiet lebende große Lyriker Michail Lermontow zu seinen romantischen Gedichten inspirierte.

Für Kuprin waren Wälder und Seen sowohl Orte der Sehnsucht als auch der Neugier. Schreibend wollte er etwa erkunden, was es mit dem Wahrsagen und Heilkräutern und angeblichen Hexen auf sich hatte. In „Olessja“, einer seiner ersten veröffentlichten Erzählungen, zeichnet er einen jungen Schriftsteller aus St. Petersburg – eine Art Alter Ego –, der sich zum Schreiben in ein abgelegenes Dorf zurückzieht. Die Grundsituation erinnert an einen Topos, der bereits um 1850 von Henry David Thoreau in seinem Generationen prägenden Text „Walden oder Leben in den Wäldern“ auf der anderen Seite der Welt, im amerikanischen Massachusetts, etabliert worden war, wo Thoreau sich in den Wäldern von Concord eine Blockhütte gebaut hatte, um dort für einen längeren Zeitraum als Aussteiger zu leben und darüber zu schreiben.

Vor diesem Hintergrund muss man die „Olessja“-Bearbeitung von Franziska Wenning sehen, um auch das Interesse einer Studentin der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ im Jahr 2020 – also einer völlig anders strukturierten Zeit – an dem Stoff und seiner Neuinterpretation nachvollziehen zu können. Die Geschichte per se ist so einfach wie zeitlos. Junger Mann auf Lebenssuche trifft bei der Jagd auf ein schönes junges Mädchen und auf den ersten Blick entspringt eine Liebe, der nur eine alte Großmutter im Weg zu stehen scheint.

Die alte Manuelicha und ihre schöne Enkelin Olessja hausen zusammen in einer Hütte. Die Zweisamkeit stört nun der junge Mann. Hinter dieser scheinbar einfallslosen Geschichte entspinnt der Autor Kuprin ein geschickt gewebtes Geflecht, in dem die damals moderne Welt und jahrhundertealtes (Geheim-)Wissen miteinander verflochten werden. Dem jungen Glück ist jedoch kein Glück beschieden, denn Olessja hat die mentalen Kräfte ihrer als Hexe verschrienen Großmutter übernommen und nach einem bösen Zwischenfall vor der Kirche alle verflucht, die sie beide zu diesem geächteten, armseligen Leben gezwungen haben. Ein verheerendes Gewitter raubt den Bauern Haus und Hof. Die beiden Frauen fliehen. Der junge Mann hat kurz ein Leben gelebt, das er nicht kannte.

Liebe, Tod und Eifersucht, Armut und Begierde, weises Alter und jugendliches Ungestüm hat die junge Bearbeiterin Franziska Wenning in ihrer ersten Hörspiel-Regiearbeit ansprechend umgesetzt, ohne dabei in eine Art akustischer Hinterglasmalerei zu verfallen. Gudrun Ritter, der man ihre jahrelange Theatererfahrung positiv anmerkt, spielt die Großmutter, Milena Schedle ist Olessja und die beiden bilden in dem rund einstündigen Stück zusammen mit Martin Seifert als Jagdgehilfe und Janek Maudrich in der Rolle des jungen Schriftstellers ein Quartett, dem man gerne zuhört – nicht zuletzt in den eher erzählerischen Passagen. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet die Neuübersetzung von Hermann Asemissen, der es gelingt, dem Text seine Patina zu lassen und ihn doch ohne übertriebene Modernisierung für heutige Hörer ansprechend gemacht zu haben.

Unterstützt wird die sprecherische Gestaltung durch die Klangmontage von Karl-Heinz Stevens, der sich dabei von Arbeiten der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina inspirieren ließ. In Deutschland ist sie unter anderem durch die Komposition „Aus den Visionen der Hildegard von Bingen“ bekannt geworden. Ihre leise, zurückhaltende und dadurch sehr imaginative Kompositionstechnik ist in der bestechenden Version von Karl-Heinz Stevens in besonderem Maße geeignet, die Stimmungswelt der Kuprinschen Erzählung zu illustrieren. Damit ist diese erste Produktion von Franziska Wenning, unterstützt durch die frühere DLF-Hörspielredaktionsleiterin Elisabeth Panknin als Mentorin, zu einem überzeugenden Hörerlebnis geworden.

11.12.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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